--- quoted from "Penelope" -
Nun Deutsch68 jan, du stehst ja unserer "afghanischen Kultur" ziemlich nah und hast dennoch den nötigen Abstand dazu, um sie ratinal beurteilen können. Wie würdest du das "afghanisch sein" definieren?
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Salam Penelopejan,
ich habe mir Deine Frage in den letzten Tagen öfter durch den Kopf gehen lassen, um darauf aussagekräftig antworten zu können und bin zu dem Schluss gekommen, dass es doch nicht so einfach ist.
So finde ich z.B. diese auch von Dir genannten ironischen Listen im wahrsten Sinne des Wortes bezeichnend, immer im Hinterkopf behaltend, dass damit der größte Teil der afghanischen Leutchen zwar stereotyp beschrieben wird, andererseits solche Listen den dahinterstehenden Individuen nicht gerecht werden können.
Bestimmte Verhaltensweisen bzw. -vorlieben würde ich zwar als "typisch afghanisch" beschreiben, aber das vor allem deshalb, weil ich in Exilgesellschaften anderer nationaler Herkünfte nicht den Bruchteil dessen Anteil nehme, wie ich es in der afghanischen Gesellschaft tue. Vielleicht gibt es ja mehr Parallelen zu anderen Exilgruppen als man zunächst vermuten würde, und das afghanisch sein macht sich letztlich vor allem an der Kenntnis einer bestimmten Sprache sowie der bevorzugten Küche fest.
Typisch afghanisch finde ich den viel gerühmten Familiensinn, auch wenn wohl nirgendwo alles Gold ist, was nach außen hin als solches glänzen soll. Typisch afghanisch ist für mich auch die geradezu ausufernde Gastfreundschaft und der hohe Stellenwert qualitativ hochwertigen (und fleischhaltigen ;-)) Essens.
Wenn Afghanen einen zu sich einladen, käme ihnen niemals in den Sinn, nicht auch diverse warme Speisen im Angebot für den Gast zu haben, da kannn dieser dreimal vorher sagen, er käme nicht wegen des Essens ;-). Anderseits beweisen Afghanen auch eine große Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, wenn sie den Eindruck haben, dadurch einen bedarfsgerechten Vorteil zu erlangen.
Was mich immer wieder erstaunt, ist, dass sich Afghanen, tja, wie soll ich es sagen, ihr Gefühl bewahrt haben, ihre Lebenslust und ihren Humor, obwohl sie so eine -für mich jedenfalls - frustrierende Hintergrundgeschichte zu ihrem Land und ihren Leuten haben. Was mich in diesem Zusammenhang ebenso verblüfft, ist die quasi unendliche Energie, die viele auf die Aufrechterhaltung eines bestimmten Ansehens nach außen verwenden, obwohl es sie (mehr oder weniger) insgeheim andererseits selbst bis zur Überschreitung der Schmerzgrenze nervt.
Was mich auch erstaunt, ist die große Affinität zu alten Traditionen, unabhängig von deren Nützlichkeitsgrad für die Gegenwart bzw. das Hier und Heute. Ich hätte ursprünglich nicht gedacht, dass das für Exilanten noch eine so große Rolle spielt (was ich auch anders vermutet hätte:), unabhängig von der Höhe des Bildungsgrades.
Oft begegnet mir z.B. in kritischen Diskussionen die Aussage: "Wir sind Afghanen !", was dann als einerseits als Abwehrinstrument gegen die Verpflichtzung einer logischen udn nachvolziehbaren Argumentation, die man nicht liefern kann, dienen soll andererseits als Appell zur Akzeptanz des Andersseins.
Leider wird in diesem Zusammenhang dem Diskussionspartner die Bereitschaft dazu dann erschwert, in dem Afghanen dann häufig so eine befremdliche Art von Stolz des Tenors "alles an uns ist viel besser als alles an euch !" an den Tag legen.
Je länger ich Kontakte zu Afghanen pflege, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass das Menschsein das spezielle Afghanischsein letztlich doch ganz gewaltig überstrahlt und man sich trotz unterschiedlicher nationaler Herkunft ähnlicher ist als man teilweise wahrnehmen möchte ;-).