Y-Chromosom am Aussterben?
Wirklich das Ende der Männlichkeit?
(von Harald Brenner)

Spermazellen unterm Mikroskop
Spermien sind entweder "männlich" oder "weiblich"
Männer könnten in 100 Millionen Jahren ein echtes Problem haben: zum Beispiel dass es sie nicht mehr gibt. Der Grund: Das männermachende Y-Chromosom ist vom Aussterben bedroht. Das jedenfalls meinen Humangenetiker, nachdem sie einen Blick in die Entwicklungsgeschichte des männlichen Geschlechtschromosoms geworfen haben. "Das Y-Chromosom ist ein lebendes Fossil der Evolution und nur eine verwesende Version des weiblichen X-Chromosoms", äußert sich der amerikanische Genetiker David Page recht plastisch. Doch was ist dran, an dem "Ende der Männlichkeit"?
Um die Argumente zu verstehen, ist ein kleiner Exkurs in die menschliche Genetik notwendig: Im Gegensatz zu den Körperzellen verfügen die Keimzellen, also männliche Spermien und weibliche Eizellen jeweils nur über einen halben Chromosomensatz, also 22 nicht geschlechtsbestimmende Chromosomen (die sogenannten "Autosomen") und ein Geschlechtschromosom. Das Geschlechtschromosom der Eizelle ist immer ein X-Chromosom. Spermien können, je nachdem, welche Hälfte des Chromosomensatzes sie enthalten, ein X- oder ein Y-Chromosom besitzen.
Schwunghafter Handel
Bei der Befruchtung verschmelzen Eizelle und Sperma: Es entsteht wieder ein kompletter Chromosomensatz. Zwischen den Autosomen der Eltern beginnt ein schwunghafter Handel mit Erbinformationen. Bei jeder Zellteilung werden so die genetischen Eigenschaften des neuen Organismus festgelegt. Doch Y- und X-Chromosom haben ihre Tauschgeschäfte fast völlig eingestellt. Der Grund ist ein spezielles Gen auf dem Y-Chromosom, wie Dr. Manfred Steinemann, Molekulargenetiker an der TU-Darmstadt erläutert:
"Es handelt sich dabei um das SRY-Gen, das in der Säugetier-Entwicklung vor ungefähr 200 Millionen Jahren erstmalig auf einem Autosom aufgetreten ist. Das Auftreten des SRY-Gens, das die Entwicklung der männlichen Geschlechtsorgane initiiert, hat überhaupt den Anstoß gegeben, dass aus einem vormaligen Autosomenpaar sich die Geschlechtschromosomen entwickelt haben. Damit das SRY-Gen auf dem Y-Chromosom verbleibt, musste der Genaustausch zwischen dem X-Chromosom und dem Y-Chromosom zwangsläufig unterdrückt werden. Ansonsten hätte womöglich das SRY-Gen Besitz ergriffen von dem X-Chromosom und dann hätte es nur noch männliche Nachkommen gegeben."
"Handelsembargo" für Y-Chromosom
Die zwei X-Chromosomen der Frau können dagegen problemlos ihre rund 2000 Gene austauschen. Vergleicht man die Anzahl der Gene, erscheint das Y-Chromosom bereits in einem jämmerlichen Zustand. Durch das "Handelsembargo" hat es nur noch 50 Gene - ein Grund, warum Forscher wie David Page sein Aussterben in ferner Zukunft prognostizieren. Manche Spezies, wie zum Beispiel der Fadenwurm, haben ihr Y-Chromosom bereits verloren.
Manfred Steinemann und seine Frau entdeckten eine weitere Ursache für den Niedergang der Männlichkeit. Auf dem Y-Chromosom ihres Forschungsobjektes, einer besonderen Art der Fruchtfliege, fanden sie eine Menge Eindringlinge aus anderen Teilen des Genoms. Es handelt sich dabei um sogenannte "Retrotransposons", eine Art springender Gene, die andere Gene lahm legen oder zerstören.
Das Ende der Männlichkeit?
Die Forscher nehmen an, dass beim Menschen eine ähnliche Entwicklung abgelaufen ist. Aber bedeutet dies nun wirklich das Ende der Männlichkeit? Der Mann und Forscher Steinemann bezieht Stellung:
"Das ist nicht zu befürchten. Sollte das Y-Chromosom in 100 Millionen Jahren tatsächlich verschwinden, besteht immer noch die Möglichkeit, dass ein neues Gen auf einem anderen Autosomenpaar die Rolle des SRY-Gens einnimmt."
Also Männer, Kopf hoch. Auch wenn das Y-Chromosom verschwindet bedeutet das noch nicht das Ende unserer "Herrlichkeit". Aus irgendeinem Autosomenpaar wird sich vermutlich ein neues X- und auch ein neues Y-Chromosom entwickeln und dann beginnt das Spiel wieder von vorn. Denn zur Urform der Geschlechtsbestimmung, wie man sie heute noch bei Reptilien findet, wird die Natur kaum zurückkehren. Hier entscheidet allein die Temperatur im Gelege über das Geschlecht der Nachkömmlinge.
Quelle: SWR.DE / © vom 15. 01. 2004