Archäologie in Afghanistan: Graben oder nicht?

Langsam aber sicher rutscht Afghanistan wieder aus dem Brennpunkt der internationalen Aufmerksamkeit. Während ein Großteil des Landes nach über zwei Jahrzehnten Krieg verwüstet ist und die Bevölkerung in tiefer Armut lebt, machen sich die ersten Archäologen auf den Weg in die historisch höchst interessante Region am Hindukusch. "Graben oder nicht?" lautet dabei die Hauptfrage - denn Plünderungen und vermintes Gelände machen ihre Arbeit schwer.
Das amerikanische Fachjournal "Science" widmet Afghanistan in seiner aktuellen Ausgabe die Covergeschichte und geht unter anderem dieser Frage nach: Sollen die internationalen Expertenteams ihre Arbeit wieder aufnehmen oder ist es in der derzeitigen Situation klüger, keine weiteren Ausgrabungen vorzunehmen?

Hauptproblem Plünderungen

Das Hauptproblem aus archäologischer Sicht sind die Plünderungen der Ausgrabungsstätten. Nach dem Fall des Taliban-Regimes sind viele Afghanen, ausgestattet mit Schaufel und Pickel, zu den historischen Ruinen geströmt in der Hoffnung, alte Schätze zu finden, die sie verkaufen können.


Sie graben Münzen oder Tonscherben aus, die oft mehrere tausend Jahre alt sind. Wer das Glück hat, etwas wirklich Wertvolles zu entdecken, muss es für gewöhnlich einem der örtlichen Kommandanten übergeben. Und die finanzieren u.a. damit ihre Herrschaft und ihre Kriege

Manche Forscher haben's eilig
Seit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan 1979 hatten keine westlichen Archäologen mehr zielgerichtete Ausgrabungen durchgeführt. Dies, so schreibt Andrew Lawler in der aktuellen Ausgabe von "Science", erkläre die Eile, mit der manche Forscher in dem historisch höchst interessanten Land vorgehen wollen.
Eine Eile, die andere Experten aber verwundert. Sie meinen, dass es in dem politisch völlig instabilen Land - gespickt mit Minen und ohne die notwendigen Lagerstätten für eventuelle Funde - noch viel zu früh ist, um mit der Arbeit wieder zu beginnen.

Was begraben ist, "soll dort auch bleiben"

"Das ist Wahnsinn", wird Nancy Dupree zitiert, eine langjährige Expertin des Afghanischen Kulturerbes, die im benachbarten Pakistan lebt. "Sobald gegraben wird, werden die Menschen plündern. Wenn man drei Monate im Jahr Ausgrabungen vornimmt und dann das Land verlässt, bleiben die Funde offen liegen."


Michael Petzet vom International Council on Monuments and Sites bringt diese Haltung auf den Punkt: "Alles, was sich unter der Erde befindet, sollte dort auch bleiben. Wir sollten lieber das erhalten, was nach den Zerstörungen noch übrig ist, als neue Dinge auszugraben."
Andere Wissenschaftler sehen überhaupt andere Prioritäten - etwa den Wiederaufbau des Nationalmuseums von Kabul und die Ausbildung heimischer Forscher.

Museum in Kabul

Zu den Schätzen des Museums in Kabul zählten Stein- und Holzfiguren aus jüngerer Zeit: Aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammende Götter- und Ahnenfiguren der vorislamischen Kultur des Hindukusch, der zentralen Region Afghanistans. Auch Funde aus den griechischen Ausgrabungen in Nord-Afghanistan waren im Museum von Kabul gelagert.

Archäologie-Pionier Semarjali Tarzi

Einer der ersten Archäologen, der sich nach dem Ende der Taliban-Herrschaft wieder an die Arbeit gemacht hat, ist Semarjali Tarzi. Bereits 1979 glaubte er Entdeckungen im berühmten Tal von Bamijan entdeckt zu haben - der Einmarsch der Sowjet-Truppen hinderten ihn daran, die Ausgrabungen zu beginnen.
Anfang September machte sich Tarzi, mittlerweile Professor an der Universität Straßburg, erneut an die Arbeit in der Bergregion nördlich von Kabul. Allerdings nicht lange, da ihn die örtlichen Machthaber bereits nach drei Tagen daran hinderten.

Buddha-Statuen von Bamijan


Mit Unterstützung des französischen Außenministeriums wollte Semarjali eine bis zu 300 Meter lange Statue, den so genannten "Schlafenden Buddha", finden. Im März 2001 hatten die Taliban zum Entsetzen der Weltöffentlichkeit die beiden riesigen, weltbekannten Buddha-Statuen von Bamijan gesprengt. Wahrscheinlich zwischen dem 4. und 6. Nachchristlichen Jahrhundert waren sie von unbekannten Künstlern geschaffen worden. Ehe sie von den Taliban im März 2001 zerstört wurden, waren sie 55 und 38 Meter hoch und standen in den Nischen des Steins, aus dem sie geschlagen worden waren. Nach Ansicht der UNESCO könnten sie entgegen früheren Einschätzungen wieder aufgebaut werden.


Kleinere Ausgrabungs-Projekte

Für einige Kulturerbe-Experten ist diese Behinderung durchaus positiv - sie halten die Ausgrabungen zum jetzigen Zeitpunkt für zu riskant und ambitioniert.
Das Gegenargument von Tarzi: Wenn professionelle Archäologen nicht ausgraben, dann tun es die Plünderer. Ein Kompromiss könnten kleinere Forschungsprojekte anstatt groß angelegter Ausgrabungen sein, wie beispielsweise in Jam oder Ai Khanum.

Vertrauen der Dorfbewohner wichtig

Dadurch könnte man - bei entsprechend vorsichtiger Durchführung - das Vertrauen der dörflichen Anwohner gewinnen, etwa indem ihnen Arbeit als Hilfskräfte oder Schutzpersonen angeboten wird.
Die offiziellen Stellen wie das afghanische Kulturministerium oder die Provinzgouverneure sprechen sich durchwegs für die Rückkehr der internationalen Forscherteams aus. Und so möchte Tarzi auch im Sommer 2003 wiederkommen; deutsche, italienische und andere Forscherteams haben sich ebenfalls bereits angesagt.

Ein Luxus der Nicht-Afghanen

Die Frage "Graben oder nicht?" bleibt damit ein Luxus, den sich nur ausländische Wissenschaftler leisten können. Zwar werden afghanische Archäologen zweifellos in die Aktivitäten ihrer internationalen Kollegen eingebunden werden, eigene Forschungen werden sie aber keine beginnen können.
"Dafür gibt es in den nächsten Jahren schlicht keine Geld", meint Wesey Feroozi, Vorstand des Institutes für Archäologie in Kabul.

Versprochen: Sieben Millionen Dollar

Im Mai dieses Jahres wurden auf einer UNESCO-Konferenz die Pläne bekannt gegeben, an die sieben Millionen Dollar in den Wiederaufbau des zerstörten Nationalmuseums von Kabul und die Restaurierung zahlreicher Artefakte zu stecken.
Das Problem: Bisher sind die meisten der pekuniären Versprechungen nicht eingehalten worden. "Obwohl jedes Land behauptet, Geld zu spenden, habe ich keines", zitiert "Science" Mohammad Qadeer Qadrdan, den Denkmalbeauftragten des afghanischen Kulturministeriums.

Unterschiedliche Solidarität

Ganz so ist es auch wieder nicht, schreibt "Science" weiter. Italien etwa habe eine halbe Million Dollar für die Minarette von Jam und Herat gespendet und Deutschland stelle 875.000 US-Dollar für die Ausgrabungen bei Bagh-e-Babur bereit. Da fallen die 37.000 Dollar der USA vergleichsweise bescheiden aus, bemängelt Autor Andrew Lawler.


Quelle: ORF on Science


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Khayyaam
Khayyaam 44 years ago

Archäologie in Afghanistan: Graben oder nicht?

Langsam aber sicher rutscht Afghanistan wieder aus dem Brennpunkt der internationalen Aufmerksamkeit. Während ein Großteil des Landes nach über zwei Jahrzehnten Krieg verwüstet ist und die Bevölkerung in tiefer Armut lebt, machen sich die ersten Archäologen auf den Weg in die historisch höchst interessante Region am Hindukusch. "Graben oder nicht?" lautet dabei die Hauptfrage - denn Plünderungen und vermintes Gelände machen ihre Arbeit schwer.
Das amerikanische Fachjournal "Science" widmet Afghanistan in seiner aktuellen Ausgabe die Covergeschichte und geht unter anderem dieser Frage nach: Sollen die internationalen Expertenteams ihre Arbeit wieder aufnehmen oder ist es in der derzeitigen Situation klüger, keine weiteren Ausgrabungen vorzunehmen?

Hauptproblem Plünderungen

Das Hauptproblem aus archäologischer Sicht sind die Plünderungen der Ausgrabungsstätten. Nach dem Fall des Taliban-Regimes sind viele Afghanen, ausgestattet mit Schaufel und Pickel, zu den historischen Ruinen geströmt in der Hoffnung, alte Schätze zu finden, die sie verkaufen können.


Sie graben Münzen oder Tonscherben aus, die oft mehrere tausend Jahre alt sind. Wer das Glück hat, etwas wirklich Wertvolles zu entdecken, muss es für gewöhnlich einem der örtlichen Kommandanten übergeben. Und die finanzieren u.a. damit ihre Herrschaft und ihre Kriege

Manche Forscher haben's eilig
Seit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan 1979 hatten keine westlichen Archäologen mehr zielgerichtete Ausgrabungen durchgeführt. Dies, so schreibt Andrew Lawler in der aktuellen Ausgabe von "Science", erkläre die Eile, mit der manche Forscher in dem historisch höchst interessanten Land vorgehen wollen.
Eine Eile, die andere Experten aber verwundert. Sie meinen, dass es in dem politisch völlig instabilen Land - gespickt mit Minen und ohne die notwendigen Lagerstätten für eventuelle Funde - noch viel zu früh ist, um mit der Arbeit wieder zu beginnen.

Was begraben ist, "soll dort auch bleiben"

"Das ist Wahnsinn", wird Nancy Dupree zitiert, eine langjährige Expertin des Afghanischen Kulturerbes, die im benachbarten Pakistan lebt. "Sobald gegraben wird, werden die Menschen plündern. Wenn man drei Monate im Jahr Ausgrabungen vornimmt und dann das Land verlässt, bleiben die Funde offen liegen."


Michael Petzet vom International Council on Monuments and Sites bringt diese Haltung auf den Punkt: "Alles, was sich unter der Erde befindet, sollte dort auch bleiben. Wir sollten lieber das erhalten, was nach den Zerstörungen noch übrig ist, als neue Dinge auszugraben."
Andere Wissenschaftler sehen überhaupt andere Prioritäten - etwa den Wiederaufbau des Nationalmuseums von Kabul und die Ausbildung heimischer Forscher.

Museum in Kabul

Zu den Schätzen des Museums in Kabul zählten Stein- und Holzfiguren aus jüngerer Zeit: Aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammende Götter- und Ahnenfiguren der vorislamischen Kultur des Hindukusch, der zentralen Region Afghanistans. Auch Funde aus den griechischen Ausgrabungen in Nord-Afghanistan waren im Museum von Kabul gelagert.

Archäologie-Pionier Semarjali Tarzi

Einer der ersten Archäologen, der sich nach dem Ende der Taliban-Herrschaft wieder an die Arbeit gemacht hat, ist Semarjali Tarzi. Bereits 1979 glaubte er Entdeckungen im berühmten Tal von Bamijan entdeckt zu haben - der Einmarsch der Sowjet-Truppen hinderten ihn daran, die Ausgrabungen zu beginnen.
Anfang September machte sich Tarzi, mittlerweile Professor an der Universität Straßburg, erneut an die Arbeit in der Bergregion nördlich von Kabul. Allerdings nicht lange, da ihn die örtlichen Machthaber bereits nach drei Tagen daran hinderten.

Buddha-Statuen von Bamijan


Mit Unterstützung des französischen Außenministeriums wollte Semarjali eine bis zu 300 Meter lange Statue, den so genannten "Schlafenden Buddha", finden. Im März 2001 hatten die Taliban zum Entsetzen der Weltöffentlichkeit die beiden riesigen, weltbekannten Buddha-Statuen von Bamijan gesprengt. Wahrscheinlich zwischen dem 4. und 6. Nachchristlichen Jahrhundert waren sie von unbekannten Künstlern geschaffen worden. Ehe sie von den Taliban im März 2001 zerstört wurden, waren sie 55 und 38 Meter hoch und standen in den Nischen des Steins, aus dem sie geschlagen worden waren. Nach Ansicht der UNESCO könnten sie entgegen früheren Einschätzungen wieder aufgebaut werden.


Kleinere Ausgrabungs-Projekte

Für einige Kulturerbe-Experten ist diese Behinderung durchaus positiv - sie halten die Ausgrabungen zum jetzigen Zeitpunkt für zu riskant und ambitioniert.
Das Gegenargument von Tarzi: Wenn professionelle Archäologen nicht ausgraben, dann tun es die Plünderer. Ein Kompromiss könnten kleinere Forschungsprojekte anstatt groß angelegter Ausgrabungen sein, wie beispielsweise in Jam oder Ai Khanum.

Vertrauen der Dorfbewohner wichtig

Dadurch könnte man - bei entsprechend vorsichtiger Durchführung - das Vertrauen der dörflichen Anwohner gewinnen, etwa indem ihnen Arbeit als Hilfskräfte oder Schutzpersonen angeboten wird.
Die offiziellen Stellen wie das afghanische Kulturministerium oder die Provinzgouverneure sprechen sich durchwegs für die Rückkehr der internationalen Forscherteams aus. Und so möchte Tarzi auch im Sommer 2003 wiederkommen; deutsche, italienische und andere Forscherteams haben sich ebenfalls bereits angesagt.

Ein Luxus der Nicht-Afghanen

Die Frage "Graben oder nicht?" bleibt damit ein Luxus, den sich nur ausländische Wissenschaftler leisten können. Zwar werden afghanische Archäologen zweifellos in die Aktivitäten ihrer internationalen Kollegen eingebunden werden, eigene Forschungen werden sie aber keine beginnen können.
"Dafür gibt es in den nächsten Jahren schlicht keine Geld", meint Wesey Feroozi, Vorstand des Institutes für Archäologie in Kabul.

Versprochen: Sieben Millionen Dollar

Im Mai dieses Jahres wurden auf einer UNESCO-Konferenz die Pläne bekannt gegeben, an die sieben Millionen Dollar in den Wiederaufbau des zerstörten Nationalmuseums von Kabul und die Restaurierung zahlreicher Artefakte zu stecken.
Das Problem: Bisher sind die meisten der pekuniären Versprechungen nicht eingehalten worden. "Obwohl jedes Land behauptet, Geld zu spenden, habe ich keines", zitiert "Science" Mohammad Qadeer Qadrdan, den Denkmalbeauftragten des afghanischen Kulturministeriums.

Unterschiedliche Solidarität

Ganz so ist es auch wieder nicht, schreibt "Science" weiter. Italien etwa habe eine halbe Million Dollar für die Minarette von Jam und Herat gespendet und Deutschland stelle 875.000 US-Dollar für die Ausgrabungen bei Bagh-e-Babur bereit. Da fallen die 37.000 Dollar der USA vergleichsweise bescheiden aus, bemängelt Autor Andrew Lawler.


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