Nâsser-e Khosrow - ein Missionar im 11. Jahrhundert

Minderheiten haben die Tendenz, in weitere Minderheiten zu zerfallen. So waren die Fatimiden nur eine Strömung innerhalb der Ismailiten, die wiederum zur islamischen Minderheit der Schiiten gehören. Ein wichtiges Zeugnis des fatimidischen Ismailitentums bilden die Werke des religiösen Denkers Nâsser-e Khosrow, der im 11. Jahrhundert im Iran gelebt hat. Der Islamwissenschaftler Prof. Lutz Richter-Bernburg erforscht seine Schriften.
Ein muslimischer Denker, der gleich mehrfach einer Minderheit angehörte
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Aus der Sicht des überwiegend christlich geprägten Abendlandes wird oft von "dem Islam" oder "den Muslimen" gesprochen. Doch auch die beiden großen Glaubensrichtungen des Islam, die mit rund 90 Prozent große Mehrheit der Sunniten und die rund zehn Prozent Schiiten, bilden jeweils keine geschlossenen Blöcke. Auch innerhalb der schiitischen Minderheit gibt es weitere Glaubensrichtungen. Dass dies keine neue Entwicklung ist, wird durch die Forschungen des Islamwissenschaftlers Prof. Lutz Richter-Bernburg vom Orientalischen Seminar der Universität Tübingen deutlich: Er hat die rund 950 Jahre alten Werke des religiösen Denkers, Philosophen und Theologen Nâsser-e Khosrow studiert, der zur fatimidischen Richtung innerhalb der Minderheit der Ismailiten gehörte, die wiederum eine Gruppierung innerhalb der Schiiten sind. Die Bücher von Nâsser-e Khosrow sind auf Persisch geschrieben, durch zufällige, glückliche Umstände bis heute überliefert worden und bieten der Islamkunde wie nur wenige andere Quellen einen Einblick in die theologischen Diskussionen der Muslime im 11. Jahrhundert.

"Nâsser-e Khosrow ist nach unserer Zeitrechnung im Jahr 1004 bei Balkh geboren, das damals ostiranisches Gebiet war", erklärt Richter-Bernburg. Heute ist die einst große Stadt, die ein bedeutendes islamisches Zentrum war, eher ein Dorf, heißt Wazirabad und liegt im nördlichen Afghanistan in der Nähe der Stadt Mazar-i-Sharif. Nâsser-e Khosrow gehörte zur religiösen Minderheit der Ismailiten, die sich im 9. Jahrhundert von den Schiiten abgespalten haben. "Die Schiiten heißen auch die Zwölfer, weil sie nach dem Begründer des Islam, dem Propheten Mohammed, zwölf Imame als seine Nachkommen anerkennen. Die Ismailiten verehren dagegen als letzten wahren Nachfolger Mohammeds und siebten Imam Muhammad ibn Ismail. Dieser ist ihrem Glauben zufolge nicht gestorben, sondern er wurde entrückt, er wird irgendwann zurückkehren", sagt der Islamwissenschaftler.
Nâsser-e Khosrow war gut gebildet in religiösen wie weltlichen Wissenschaften und persischer Literatur, berichtet Richter-Bernburg. Im Jahr 1045 sei er aus seinem Leben als Zivilbeamter ausgebrochen und habe erklärt, dass er zusammen mit seinem Bruder auf Pilgerfahrt nach Mekka gehen wolle. "Dafür gab es eine Art unbefristeten Urlaub, denn die Pilgerreise gehört ja zu den Pflichten eines guten Muslimen", sagt Richter-Bernburg. Nâsser-e Khosrow war mehrmals in Mekka, hat sich aber hauptsächlich in Kairo aufgehalten. "Eine echte Pilgerfahrt, die so genannte Hajj, ist an Riten gebunden, die nur im letzten Monat des Mondjahrs absolviert werden können. Einfach Mekka besuchen, gilt dafür nicht", sagt Richter-Bernburg. Sieben Jahre dauerte die Reise, über die Nâsser-e Khosrow nach seiner Rückkehr 1052 einen ausführlichen Bericht verfasst hat. Seine späteren Werke waren theologischer Natur. "Ohne die Werke Nâsser-e Khosrows wüsste die Islamwissenschaft kaum etwas über die iranischen Ismailiten im 11. Jahrhundert", sagt der Forscher. Bemerkenswert sei, dass Nâsser-e Khosrow alle seine Werke auf Persisch geschrieben habe. Denn die damalige Bildungssprache - und Sprache des Koran - war Arabisch. "Wahrscheinlich wollte Nâsser-e Khosrow die sprachliche Hürde für seine Leser niedrig halten. Denn zum Beispiel seine Lehrgedichte hatten missionarischen Charakter. Damit rief er zum frommen Leben auf und drängte seine Leser, sich der ismailitischen Lehre anzuschließen."

Der Islamwissenschaftler geht davon aus, dass Nâsser-e Khosrow bereits im Iran mit dem fatimidischen Ismailitentum in Berührung gekommen ist. "Überraschend für die patriarchalischen Gesellschaften des Islam gehen die Fatimiden - wie die 'Zwölfer-Imame' - auf Mohammeds Tochter Fatima zurück, das einzige Kind des Propheten, das bis zum Erwachsenenalter überlebte und selbst wieder Kinder hatte", sagt er. Die Ismailiten waren im 9. und 10. Jahrhundert in teilweise kleinen Gruppen über die ganze islamische Welt verbreitet mit einem Schwerpunkt im persischen Golf. "Die Fatimiden haben 969 Ägypten erobert und sich dort bis 1171 gehalten. Sie sahen sich als rechtmäßige Leiter des Islam gegen die Kalifen in Bagdad. Zunächst beherrschten sie außer Ägypten auch Palästina und Syrien bis hin zum Taurus, heute Südosttürkei", sagt Richter-Bernburg. In ihrem Zentrum Kairo, wo sie eine streng hierarchisch gegliederte Eliteorganisation für Lehre und Mission eingerichtet hatten, hat Nâsser-e Khosrow eine einschlägige Ausbildung gemacht. Er hat anschließend die ganze Region des Ostiran, die viel größer war als heute, als Obermissionar bereist.

Als Autor hat Nâsser-e Khosrow zwei Weisheiten vereinigen wollen, die ismailitisch-religiöse Weisheit und die griechische Philosophie. "Er war ein wichtiger Repräsentant der Ismailiten", sagt der Islamwissenschaftler. Zentral für den Denker des 11. Jahrhunderts war die so genannte Emanationslehre der graeco-islamischen Philosophie. Zu den von den Ismailiten anerkannten sieben Imamen bildeten die sieben Planeten eine gewisse Analogie. Um die Erde im Zentrum kreisten Mond, Merkur, Venus, die Sonne - hier ein einfacher Planet -, Mars, Jupiter und Saturn. "Die Emanationslehre ging von einer im göttlichen Wesen nicht zu definierenden Überfülle aus, aus der zuerst der Intellekt und dann weiter in einer Art Kaskade schließlich auch die sichtbare Welt entlassen wird", erklärt Richter-Bernburg. "Die himmlischen Körper gelten danach als geistige Wesen, als 'Intelligenzen'. Sie sind vollkommen, ewig und unveränderlich." Hinter Saturn war die Fixsternsphäre, dahinter habe man eine "äußere Schale" der Welt angenommen. "Die Ismailiten haben versucht, die Emanationslehre und den Islam, der strikt zwischen dem einen Schöpfergott und dessen Schöpfung trennt, unter einen Hut zu bringen", sagt der Forscher. Die Werke von Nâsser-e Khosrow gibt es inzwischen als Druckausgaben. "Man hat ihn für die Moderne in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Islamwissenschaft 'wiederentdeckt'. Auch heutige Ismailiten interessieren sich wieder dafür", erzählt Richter-Bernburg. Unter den Ismailiten gebe es auch heute verschiedene Strömungen: "Es ist häufig so, dass Minderheiten in weitere Minderheiten zerfallen."

Der religiöse Denker Nâsser-e Khosrow ist wahrscheinlich um das Jahr 1080 gestorben, genau ist das nicht bekannt. Die Fatimiden wurden von dem Sunniten und Eroberer Saladin 1171 endgültig gestürzt. "Der hat in einem barbarischen Akt die fantastische Palastbibliothek der Fatimiden in Kairo verschleudern lassen", sagt Richter-Bernburg. "Für die Forschung war es ein großes Glück, dass die Werke von Nâsser-e Khosrow in einem abgelegenen Winkel des Iran erhalten geblieben sind." Für die sonstigen iranischen Handschriften und Bücher war der Mongolensturm im 13. Jahrhundert eine große Katastrophe. "Im Arabischen ist viel mehr erhalten, weil die Mongolen wegen interner Streitigkeiten nicht so weit vorgedrungen sind", sagt der Islamwissenschaftler. Das Grab von Nâsser-e Khosrow in der jetzigen afghanischen Region Badakhshan sei bis heute erhalten und zu einer Pilgerstätte geworden, sagt Lutz Richter-Bernburg: "Kurioserweise sind seine heutigen Verehrer stramme Sunniten. Die Lehrschriften von Nâsser-e Khosrow sind dort offenbar völlig in Vergessenheit geraten. Denn die Widersprüche zur sunnitischen Lehre sind eigentlich offenkundig." (7313 Zeichen)

Nähere Informationen:

Prof. Dr. Lutz Richter-Bernburg
Orientalisches Seminar - Abteilung für Islamkunde
Wilhelmstraße 113
72074 Tübingen
Tel. 0 70 71/2 97 85 31
mobil 0177-2138477
Fax 0 70 71/29 53 72
E-Mail lutz.richter-bernburg@uni-tuebingen.de

Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html


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