Joachim Forster nach seiner Rückkehr von seinem zweiten Projekt-Einsatz

unter einem Kirschbaum in Bissingen sitzend will ich Euch berichten von den Tagen in Afghanistan.
Anfang April komme ich wieder nach Afghanistan, das erste Mal war ich dort von Juni bis September 2005. Unser lieber Projektleiter Zobair holt mich von Herat vom Bus ab. Ich bin müde nach der eineinhalb Tage-Reise. Es ist schön, Zobair wiederzusehen und tags darauf Wahid, unseren Vorarbeiter und Freund, mit dem ich zusammen in Sangur wohne und arbeite.
Sie haben mit dem Schulbau schon angefangen. Die Fundamente sind schon ausgegraben. Wir betonieren sie aus und stellen die Eisengitter für die Betonpfeiler auf. Auf der Baustelle sind oft viele Kinder. Ihre “alte“ Schule ist gleich neben der Baustelle und besteht aus sieben Zelten, die auf zwei Seiten offen sind. Hier gehen die Jungens zur Schule. Die Mädchen haben im Dorf ein paar dunkle Räume in einem Bauernhaus.
Von unserer Wohnung gehen wir 20 Minuten zur Schule, bzw. zur Baustelle. Ich genieße den Weg durch das Dorf, am Teich vorbei, den Bach entlang, wo oft Mädchen und Frauen das Geschirr und die Wäsche waschen, dann führt der Weg durch die Felder. Bauern pflügen gerade den Boden um. Mit Ochsen und einem einfachen Holzpflug ziehen sie die Furchen. Kinder hüten kleine Schaf- und Ziegenherden. Es sind schöne Bilder, die einen tiefen Frieden ausstrahlen.
Doch leider geht es nicht überall so friedlich zu. In einigen Landesteilen haben sich die Taliban wieder erhoben. Die afghanische Armee führt mit Unterstützung der US-Truppen einen erbitterten Kampf. Auch sonst erschüttern oft Bombenanschläge das Land. Seit dem „Sieg“ gegen die Taliban vor viereinhalb Jahren ist jetzt die unruhigste Zeit. Auch im Dorf haben sie Angst und sind um unsere und ihre Sicherheit besorgt.
Trotz allem geht die Arbeit in Sangur besonders gut voran. Nach fünf Wochen gießen wir schon den ersten Teil der Betondecke und ziehen dann um nach Armalegh, um dort einen weiteren Schulbau anzufangen.
Am Anfang gefällt es mir in Armalegh nicht so gut. Das kam zum einen von dem starken Wind, der hier ständig bläst und zum anderen von unserer Wohnung. Wir sind zu Gast beim Arbab, dem Ortsvorsteher, und haben kaum Ruhe vor lauter Besuch. Doch nach einer Woche ziehen wir um in einen gemütlichen Raum, im Innenhof einer Großfamilie, wo wir uns wohlfühlen.
In Armalegh fehlt es öfter an Arbeitern, so dass der Schulbau nur langsam vorangeht. Auch hier sind die Dorfbewohner um unsere Sicherheit besorgt. Unser Vermieter schläft mit dem Gewehr auf dem Dach. Als ich mich nach drei Monaten verabschiede und nichts passiert ist, sind sie erleichtert. Es sind liebe, herzliche Menschen, und der Abschied fällt mir nicht so leicht.
In Herat rät mir Zobair, afghanische Kleider anzuziehen. Insgesamt verschlechtert sich die Lage im ganzen Land. Auch die Afghanen investieren und bauen weniger. Unser Zementhändler klagt, dass seine Umsätze fast um die Hälfte zurückgehen. So lässt sich die politische Lage auch am Zementumsatz ablesen.
Man kann nur hoffen, dass die Regierung das Taliban-Problem in den Griff bekommt und der Frieden sich ausbreiten kann. Trotz allem war ich sehr gerne dort und danke Euch für die lieben Geschenke und die familiäre Hilfe (Beruhigung meiner Eltern).


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