»Der Koran ist eine Rettung« Interview mit Ex-Häftlinge

Roger Willemsen wundert sich. Nun ist er überhaupt ein Medienmensch, der sich in seinen Interviews – noch immer! – mit beglückendem Talent zum Staunen durch die Welt fragt. »An der Grenze« hieß vor über zehn Jahren sein erster Gesprächsband, Niederschrift der TV-Porträtserie »0137«. Befragungen von Attentätern, Bankräubern, Mördern, politischen Gefangenen, Autoknackern, Todeskandidaten und Gewaltopfern. Im Fernsehen war Willemsen schließlich irgendwann ein Partisan der sinkenden Quote, der sich souverän und unbekümmert intelligent seiner »Selbstauflösung entgegensendete« – jedoch unweigerlich an den Punkt kam, an dem er in Spätprogrammen nicht mehr als exotischer Markenartikel eines in die Nacht versprengten, gleichsam
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ins Programm-Nichts verbannten Geistes verschlissen werden wollte. Auch im Bewusstsein dessen, dass er selber doch inzwischen mehr zu schreiben und zu sagen hatte, als nur immer »als Hebamme auf jedem dritten Podium zu sitzen, um die Meinungen anderer Leute ins Licht zu bringen«. Das generelle Problem jedes Interviewers, der in diesem Genre Beständigkeit beweist: Was man für die (Er-)Lösung hält, diese nahezu selbst-lose Moderation fremder Wahrheiten, ist zugleich das Kreuz.
Die akute Verwunderung des Roger Willemsen: Er reiste allein nach Afghanistan und in den Nahen Osten, sprach mit fünf ehemaligen Gefangenen des US-Lagers in Guantanamo Bay, und es sei doch äußerst »bizarr«, findet er, dass so eine einzelne Initiative noch immer das ersetzen muss, was ethische Pflicht der allgemeinen Nachrichtengebung sein müsste: Nachforschungen über die Genesis des vielleicht grausamsten Gefangenenlagers der momentanen Welt.
Fünf Männer im Interview. Ein Gewürzhändler aus Pakistan. Ein jordanischer Palästinenser. Zwei russische Tartaren, die aus religiösen Gründen nach Afghanistan gegangen waren. Der ehemalige Botschafter Afghanistans in Pakistan. Sie alle waren während des US-amerikanischen Einmarsches in Afghanistan zwischen Fronten gekommen, von der Nordallianz an die USA verkauft worden, unter vagen Verdacht terroristischer Handlungen geraten. Schon die Namensähnlichkeit mit einem gesuchten Terroristen genügte für die Festnahme. Endstation zahlreicher Verlegungen in Zwischenlager: Guantanamo. Keine Anwälte, keine Beweisaufnahmen. Aber schlimmste Schikanen. Willemsen fragt vorsichtig, genau, einfühlsam. Was entstand, sind Protokolle der seelischen Zerstörungen, der festgebrannten Prägungen aus Schmerz und Perspektivlosigkeit. Man spürt bisweilen, dass auch Sprechen noch immer eine Qual, eine Anstrengung ist, aber vor allem, dass die Verweigerung von Öffentlichkeit, die Isolation durch Nichtbeachtung auch nach der Entlassung Teil des Foltersystems ist. Folter also durch ein Mediensystem, das sich doch ansonsten überschlägt vor Forschungseifer und Papa-Razzien in sämtlichen menschlichen Seelen und Gedärmen.
Vor einiger Zeit sagte Willemsen, er warte auf den Musterprozess darüber, dass der Aufklärungsauftrag des Rundfunkstaatsvertrages täglich verraten würde. Ein Hinweis auf den größten, ehrenwertesten Anspruch medialer Arbeit überhaupt: für Minderheiten zu wirken, innergesellschaftliche Reflexion zu betreiben, Entfremdungsschranken zu überwinden, Informationen zum Zwecke der Herzensbildung zu verbreiten. »Weiche Zonen der Gesellschaft« – so nennt Willemsen das dem widersprechende meinungswuchernde Gemenge aus Leitartikeln, Podien, Talkshows und flankierenden Fernsehserien: eine dreist beliebige telekratische Öffentlichkeit, die allein schon aus dem Grad ihrer heftigen Verbreitung schließt, sie verkörpere Demokratie. Deshalb erregt jetzt ein Buch Aufmerksamkeit: weil eine Industrie, von Auftrags wegen befasst mit der Produktion kritischer Öffentlichkeit, bislang in einem ganz entscheidenden Fall jämmerlich versagte.
Beklemmende Eindrücke aus dem rechtsfreien Raum der Hölle. Die orangefarbenen Overalls für die Häftlinge – erinnernd an die Kleidung der Todeskandidaten in USA-Gefängnissen. Schäferhunde, die überm nackten Körper hecheln. Ratten, die an amputierten Fingern fressen. Radebrechende Dolmetscher, befasst mit Sinnverdrehungen. Der Schlafentzug. Die Beteuerung der Interviewten: »Ja, der Koran war für uns eine Rettung« – und dann die permanenten Entwürdigungen, indem US-Soldaten die Religionsschriften zerrissen, in die Latrinen warfen.
Dieses Buch gibt jener Konsequenz einen weiteren Schub, die von täglich mehr maßgeblichen Stimmen gefordert und hoffentlich weltweite Rückendeckung erhält: Das Lager Guantanamo muss weg! Das Lager offenbart, dass ausgerechnet das freieste Land der Welt auf »kathartische Orte« (Willemsen) angewiesen ist, deren Notwendigkeit aus einem diktatorischen Prinzip erwächst: Solche Lager, vom Gulag bis zur Schädelstätte, dienten seit jeher der Bewusstseinsstärkung des ideologisch ausgerichteten Staates, sie sollen in der Bevölkerung jener fatal beruhigenden Einbildung aufhelfen, es geschehe mit willkürlicher Gefangennahme doch Gerechtigkeit, es werde mit verlässlicher Kraft das Notwendige getan, und das Notwendige sei gleichbedeutend mit dem Guten. Aber dies Gute ist, wie auch Gerechtigkeit, im Falle Guantánamo nur noch eine Großwort-Ruine.
Gewissermaßen exterritorial, frech auf kubanischem Vorposten, wird die innere Sicherheit US-Amerikas als erfüllter Bürgersinn beschworen: das Lager als Schmerztablette gegen den Phantomdruck, der seit dem 11. September 2001 auf dem Landesgemüt lastet. Das Bild einer wahrlich heillosen Verstrickung in einen terroristisch befleckten Antiterror-Krieg will man mit künstlich forcierten Installationen des harten Durchgreifens zurückdrängen. Guantanamo ist in diesem Sinne Show, Inszenierung. Waren frühere Isolationslager anderer politischer Systeme auf Geheimhaltung bedacht, so bezeugt die Unverfrorenheit des Öffentlichen, mit dem Guantanamo von Seiten Washingtons Rechtfertigung erfährt, den hohen Reifegrad einer politisch-moralischen Verkommenheit.
Willemsens Buch füllt eine besonders schmerzliche Leerstelle. Deren Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass alle Abscheu über ein Verbrechen nicht automatisch die Einsatzbereitschaft für die Erniedrigten und Beleidigten erhöht. Es gehört zu den traurigen Paradoxien menschlicher Wahrnehmungstechnik, dass den Tätern eher Gesicht und Aufmerksamkeit zuwachsen als den Opfern. Seit jeher ist der Lobbyismus eine Solidaritätsform, in der vorwiegend Stärkere zueinander finden. Wer sich für Schwächere, Ohnmächtige einsetzt, bereichert selber das karge Feld der Minderheiten. Auch die Opfer von Guantanamo sind bisher gesichtslos geblieben, und stets erhält solche Gesichtslosigkeit neue Zusprüche – weil wir sie, wenn wir ganz tief in unser Dunkel hineinhorchen, mitunter auch dankbar als einen Selbstschutz begrüßen. Der verhindert, dass wir zu tief hineinstürzen ins Unerträgliche und unumkehrbar Sehende werden. Aus diesem Grunde empfinde ich als größte Wirkung der vorliegenden Interviews, dass ich mir Gesichter ausmale, die Gesichter der Gesprächspartner von Willemsen. Dass aus gutem Grund keine Porträts der Ex-Gefangenen veröffentlicht sind, ist wie eine letzte Grenze, die man überspringen möchte. Stimmen kamen, Stimmen gehen wieder, da zieht ein Schrecken vorüber, so fern, so nah; und der kluge, suggestiv klopfende Titel des Buches, »Hier spricht Guantanamo«, der an die bevorstehende überwichtige Sondermeldung eines Radiosenders erinnert, reißt den Widerspruch auf zwischen ungewöhnlicher Öffentlichmachung und geläufigem Verschweigen. Hier spricht Guantanamo – da geht ein Schrei in Umlauf, der keine Sender hat, weil verantwortlichem Journalismus das Sendungs-Bewusstsein fehlt.
Dass die Existenz dieses Lagers von Washington als fortwährender innenpolitischer Sieg gefeiert wird, dass den Soldaten auf Kuba in Abständen immer wieder die Bilder des 11. September 2001 gezeigt werden, gleich einer Seele stabilisierenden und Patriotismus schürenden Droge – es ist Ausdruck einer bekannten ideologischen Klemme, deren letzter und gefährlichster Ausdruck jene militante Aggressivität ist, die alle Grenzen zur Bestialität niederreißt. Die Aufrechterhaltung des Unmenschenbildes, das mit den Häftlingen von Guantanamo so furchtbar konkret bleiben muss, dient Bush als Legitimation eigener außenpolitischer Unmenschlichkeit, die von Afghanistan bis Irak praktiziert wird. Und die offensichtlich bereits nach neuen Zielen Ausschau hält. Der Feind, das politische Elixier, muss lebendige Projektion bleiben, und dafür wird blindlings hineingegriffen ins wehrlose Menschenleben. US-Amerika, kein Musterland, nur ein Urmusterland: Guantanamo als versprengter Klumpen immerwährender Geschichtslogik – was eine Weltmacht für Gedeih hält, ist immer kontaminiert mit Verderb. Roger Willemsen ist für ein wichtiges Buch zu danken, für einen Impuls, der Scham und Zorn auslöst. Den Menschen dieses Buches, fünf Stellvertretern, ist Leben zu wünschen.

Roger Willemsen: Hier spricht Guantanamo. Interviews mit Ex-Häftlingen. Mitarbeit: Nina Tesenfitz. Verlag Zweitausendeins Frankfurt (Main). 238 S., brosch., 12, 90 Euro. Bestellungen nur direkt über den Verlag möglich, Tel. (069) 420 8000.



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