Dienst am Vaterland 14.10.2005 Der 28jährige Said ist in Afghanistan geboren und in Berlin aufgewachsen. Jetzt ist er in Kundus als Soldat stationiert - und fühlt sich fremd in seiner alten Heimat. Der Bart kommt ab, wenn ich wieder zu Hause bin", lacht Said und streicht sich über den gepflegten schwarzen Vollbart. Der 28jährige Bundeswehrsoldat aus Berlin-Zehlendorf hat sich für seinen Einsatz in Afghanistan die traditionelle Bartpracht stehen lassen. "Gesichtstarnung" nennt er das. In der Tat fällt Said damit kaum auf, wäre da nicht die deutsche Wüstentarn-Uniform. Mit der Bundeswehr kam der Halbafghane zum ersten Mal in sein Vaterland. "Das war ein komisches Gefühl, als Soldat hierher zu kommen", sagt er. Wo er seine Heimat sieht? Klare Antwort: "Natürlich Berlin, Deutschland". Die relativ friedliche Provinz Kundus im Norden Afghanistans ist der Einsatzort des bärtigen Berliners. Die Landschaft ist idyllisch. Auf fruchtbarem Lößboden wachsen Reis, Melonen, Weizen und Trauben. Said ist hier für fünf Monate als Sprachmittler eingesetzt, wie es im Bundeswehrjargon so schön heißt. Eigentlich ist er Übersetzer, Kommunikator, ja Vermittler zwischen den Welten. Er spricht fließend Dari, eine der beiden Landessprachen, und wird deshalb im Wiederaufbauteam dringend gebraucht. "Unsere Sprachmittler sind Transmissionsriemen in die afghanische Gesellschaft", sagt Oberst Bernd-Otto Iben, Kommandeur des deutschen Feldlagers in Kundus, über die insgesamt 20 Übersetzer. "Ihre Rolle geht weit über das Übersetzen hinaus, sie sind auch Ratgeber und vermitteln uns soziales und kulturelles Feeling." Sie begleiten ihn zu Gesprächen mit Gouverneuren, Polizei- und Armeechefs und sprechen mit den Menschen aus der Bevölkerung über deren Nöte. Für keinen der 340 deutschen Soldaten in Kundus ist dieser Einsatz ein leichter Job. Denn die Lage im Norden Afghanistans ist zwar, wie Iben sagt, "überwiegend ruhig, aber nicht stabil." Mit Anschlägen muß jederzeit gerechnet werden. Deshalb geht Said auf Patrouille nur mit kugelsicherer Weste, einer Heckler&Koch Pistole P8 und einem Sturmgewehr G36. Das sieht martialisch aus, dient aber der Sicherheit der Soldaten. Auch wenn ihm die meisten Afghanen freundlich begegnen, ist Said sehr vorsichtig. "Wenn ich durch die Straßen gehe, höre ich einige manchmal das Wort "Verräter' tuscheln", berichtet er. Da sei er schon ziemlich sauer: "Wenn mir einer das ins Gesicht sagen würde, bekäme er richtig Probleme". Was der deutsch-afghanische Soldat für viel gefährlicher hält, sind Drohungen gegen seine Familie daheim: "Einige Extremisten sagen mir, daß Sie meine Adresse herausbekommen und sich dann um meine Familie kümmern". Deshalb will er auch seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen. Solche Menschen kann Said nicht verstehen, schließlich seien er und seine Kameraden in Kundus, um hier für Stabilität und Sicherheit zu sorgen. Im Falle einer Bedrohung hätte er aber keine Hemmungen, notfalls auch auf Afghanen zu schießen: "Die Deutschen sind für ihren Schutz da. Leute, die hier gegen uns vorgehen, sind die Bösen, die das nicht verstehen." Wenn ihn jemand unter die Erde bringen wolle, würde er nicht zögern, die Waffe einzusetzen. Angst habe er nur selten gehabt. "Natürlich gibt es Situationen, in denen meine Zigarette zittert, aber das ist auch gut so", meint er. Ohne Angst handle man leicht unkontrolliert. Zum Glück ist ihm noch nie etwas passiert. Dabei ist Said ständig unterwegs: Ein- bis fünftägige Patrouillen über schlechte Pisten durch Steppen und Gebirge sind die Regel. "Das ist enorm anstrengend", berichtet Said. Die Fahrten im offenen Geländewagen "Wolf" seien staubig und heiß, nachts schlafe man auf Feldbetten unter freiem Himmel. Manche Einsätze sind weniger anstrengend als andere. Etwa die Einladung eines afghanischen Bauunternehmers, der zum Dinner im Schein eines gelben Vollmonds einlud. Herzliche Umarmung des Gastgebers, Said wird wie alle anderen gebeten, seine Stiefel auszuziehen und sich auf den Teppich am Rande des Reisfelds zu setzen. Dann werden Mengen von Lammspießen und riesige Platten mit gewürztem Reis serviert - anschließend zuckersüße Melonen. Der Gastgeber ist Tadschike, es gibt Wodka für alle. Said darf im Dienst natürlich nicht trinken; er übersetzt die Gespräche und hält sich an einer Dose Cola fest. Said fühlt sich als "moderner Moslem", so sei er auch in Berlin erzogen worden. Das heißt, er ißt Schweinefleisch und trinkt Alkohol, in Maßen. Viel wichtiger findet er in seiner Religion Werte wie "Respekt vor den Älteren", oder sich um die Armen zu kümmern. Das kann er im bitterarmen Afghanistan längst nicht so, wie er es gern möchte. Aber er sieht seine Mission hier in erster Linie als deutscher Soldat, der sich eben um die Sicherheit der Afghanen kümmert. Das ist auch ein Beitrag zum Leben der Menschen hier. Said ist stolz darauf, Soldat zu sein. Seine Familie sieht das ebenso. Schließlich ist Said der Enkel des legendären Bürgermeisters von Kabul, "Papa Gulam", der sich um die deutsch-afghanische Zusammenarbeit verdient gemacht hat. Sein Großvater war einer der ersten Schüler, die in den 20er Jahren von König Amanullah zum Elektrotechnik-Studium nach Deutschland geschickt wurden. Später gründete er die Sozialdemokratische Partei Afghanistans und war sogar Abgeordneter des Nationalrates. "Für seine Verdienste hat er von Konrad Adenauer das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten", erzählt Said stolz. Geboren wurde Said in Kabul, nach dem sowjetischen Einmarsch verließen sein afghanischer Vater und seine deutsche Mutter das Land in Richtung Berlin. Damals war er ein kleines Kind und sprach nur Dari. Der Neuanfang in Berlin war für ihn schwer. "Ich konnte kein Deutsch und mußte mich auch an die neue Umgebung gewöhnen", berichtet er. Seine beiden älteren Brüder, die bereits die berühmte deutsche Amani-Oberrealschule in Kabul besuchten, hätten es mit der Integration da wesentlich einfacher gehabt. Seinetwegen sprachen die Eltern zu Hause anfangs nur Deutsch. Die afghanische Sprache hat er erst später wieder erlernt. Die Sprache des Orients ist allgemein sehr blumig, anders als das sehr direkte Deutsch. Said hatte bei seinem Einsatz in Afghanistan anfangs Probleme, diese Floskeln seinen Vorgesetzten zu vermitteln, und umgekehrt die Afghanen nicht mit dem vergleichsweise harten Deutsch zu brüskieren: "Es muß ja auf beiden Seiten richtig ankommen." Als Said sein Vaterland zum ersten Mal nach gut 25 Jahren wieder sah, war er entsetzt: "Als ich in Kabul ankam, war alles zerstört". Nichts mehr sei übrig geblieben von den schönen Fotos, die sein Vater von Kabul gezeigt hatte, das einst als "Paris des Ostens" bekannt war. Er fühlte vor allem Mitleid mit den Menschen, die fast 30 Jahre Krieg miterleben mußten. Soldat wurde Said noch vor dem 11. September 2001 - und bevor der Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan beschlossen wurde. "Mir gefällt die Kameradschaft und das Soldatenleben einfach", sagt er. Eigentlich gehört er zur Fallschirmjägerbataillon 261 in Lebach. Freiwillig hat sich der Soldat bereits für einige Einsätze im Kosovo und in Afghanistan gemeldet. Es ist ein sehr spartanisches Leben, für das sich Said in dieser Zeit entschieden hat. Zusammen mit fünf anderen Soldaten lebt er in Kundus in einer kleinen Holzhütte. Jeder hat eine Privatsphäre von maximal zweieinhalb Quadratmetern. "Man gewöhnt sich aber an alles", sagt Said gelassen. Hier könne er sich mit einem Buch, mit Musik oder einer DVD etwas zurückziehen. Natürlich fehlen ihm seine Eltern, seine Brüder, seine Schwester und natürlich seine Freundin, die sich allesamt Sorgen um ihn machen. Einmal die Woche telefoniert er mit ihnen oder hält Kontakt per E-Mail. Was ihm im staubigen und zum Teil über 50 Grad heißen Afghanistan materiell am meisten fehlt, sei aber Wasser. "Ich bin ein Wassermensch und brauche das Meer um mich", sagt er. In drei Monaten kehrt er nach Deutschland zurück, dann sei erst einmal ein Tauchurlaub fällig. Da wird auch seine Freundin aus Berlin mit untertauchen. Immer wieder müsse er ihr erklären, warum er dieses Jahr gerade einmal drei Monate zu Hause ist. "Aber sie hat mich als Soldat kennen gelernt und wußte, auf was sie sich einläßt", sagt Said ernst. Von Christiane Buck http://www.morgenpost.de/content/2005/09/25/biz/781591.html << | >> |
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14.10.2005 Der 28jährige Said ist in Afghanistan geboren und in Berlin aufgewachsen. Jetzt ist er in Kundus als Soldat stationiert - und fühlt sich fremd in seiner alten Heimat. 