Asyl im verstrahlten Niemandsland

Der weißrussische Diktator Lukaschenko will Flüchtlinge in Gebieten ansiedeln, die seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl verstrahlt sind. So soll die dortige Wirtschaft wieder angekurbelt werden.
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Minsk - Als Sladria sieben Jahre alt war, verlor sie ihre Heimat. Mit den Eltern und ihren sechs Geschwistern floh sie aus Afghanistan, wo Krieg herrschte. In den Westen wollte die Familie. Zuerst landeten sie in Kasachstan, dann ging es weiter in Richtung Europa. Doch die Endstation war ein Land namens Weißrussland. Das gehört zwar geografisch zu Europa, nicht jedoch politisch.

"In den Westen können wir nicht", sagt Sladria, heute 17 Jahre alt. Die Grenzen zu den Neu-EU-Staaten Polen, Lettland und Litauen seien dicht.
Sladria arbeitet in einer Einrichtung für Migrationskinder in Minsk. Für ein bisschen Taschengeld bestickt das Mädchen mit anderen Kindern Tischdecken und Topflappen. Ihre Eltern haben keine Zeit für sie, beide müssen arbeiten und für die sieben Kinder sorgen. Manchmal, erzählt Sladria, als ihre staatliche Aufseherin nicht zuhört, gebe es Menschen, die sie beschimpfen. Wegen ihrer dunklen Hautfarbe. Man will sie hier nicht. Der weißrussische Staat hat hier, in der Hauptstadt, keinen Platz für Ausländer.
Nach dem Willen des weißrussischen Diktators Alexander Lukaschenko werden die über 200.000 Flüchtlinge bald aus dem Stadtbild von Städten wie Minsk, Brest und Grodno verschwunden sein. Ihre neue Heimat soll dort sein, wo nicht einmal die ärmsten Weißrussen leben wollen.

130 Kilometer von Tschernobyl entfernt

22.000 Einwanderer will Lukaschenko jetzt in der Region um Gomel ansiedeln. Sie können in den von der Bevölkerung verlassenen Orten wohnen. Und den Asyl-Status, der ihnen formal die gleichen Rechte sichert wie allen Weißrussen, sollen sie auch schleunigst bekommen.

Doch die wahren Gründe für den neuen Schmusekurs in Sachen Völkerverständigung sind ganz andere: Gomel liegt ungefähr 130 Kilometer nördlich von Tschernobyl und gilt als der am stärksten verstrahlte Landstrich durch den Reaktorunfall von 1986. Durch die neue Siedlungspolitik will Lukaschenko das verseuchte Gebiet wieder in ein prosperierendes Wirtschaftsgebiet verwandeln.

Asyl in verstrahlter Gegend

Entsetzt reagieren Strahlen-Wissenschaftler auf den neuesten Coup Lukaschenkos: "Diese Politik ist medizinischer Unsinn", sagt Sebastian Pflugbeil, Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz. Pflugbeil kennt sich aus in der Gegend um Gomel. Mit anderen Wissenschaftlern engagiert er sich seit den 90er Jahren in der Region.

Weißrussland gilt als das Land, das von der Tschernobyl-Katastrophe am stärksten betroffen ist. Rund 70 Prozent des radioaktiven Auswurfs, der aus dem Reaktor austrat, wurde vom Wind nach Weißrussland geweht. "Für Kinder in der Region um Gomel ist das Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, 55 Mal höher als beim Durchschnitt. Für Erwachsene ist das Risiko fünf bis sechs Mal höher", sagt Pflugbeil.

Bereits jetzt gehe die Weltgesundheitsorganisation WHO davon aus, dass jeder dritte Jugendliche in der Region, der 1986 nicht älter als vier Jahre war, im Laufe seines Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken wird. Pflugbeil hat beobachtet, dass sich in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen in der Region um Gomel niedergelassen haben. "Die Leute ziehen da hin, weil sie in Ruhe gelassen werden. Außerdem können sie sich unter den leerstehenden Häusern die schönsten aussuchen." Vor allem verarmte Veteranen aus den Kriegen in Afghanistan und Tschetschenien ziehen in den Sperrbezirk. Da passe die neue Siedlungspolitik für Flüchtlinge gut ins Bild: "Lukaschenko will einen Strich unter die Tschernobyl-Katastrophe ziehen und das Gebiet wieder wirtschaftlich nutzen." Vor allem die Landwirtschaft wolle die Regierung wieder auf die Beine bringen. Besonders gut gedeihen in der Region Beeren und Pilze, die Strahlung besonders bereitwillig aufnehmen. Die weißrussischen Behörden versuchen, die Strahlenbelastung herunterzuspielen, kritisiert Pflugbeil. Dabei gehe die Belastung viel langsamer zurück, als ursprünglich erwartet. "Das ist kriminell", meint der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz.

Zwei Millionen Illegale warten

Ursprünglich wollte Weißrusslands Diktator Alexander Lukaschenko Flüchtlinge wie die Familie von Sladria direkt in die EU durchwinken. Afghanen, Pakistaner und Vietnamesen - in den Augen von Lukaschenko kriminell und mit Atom-Waffen ausgerüstet - sollten in den Westen kommen. In den Augen des Diktators eine Möglichkeit zur Revanche dafür, dass die EU sich weigert, mit ihm politische Beziehungen zu pflegen.

Und so rüstete sich die EU gegen einen Ansturm aus dem Osten. Nach einem BND-Bericht aus diesem Jahr warten bis zu zwei Millionen Illegale im "schwarzen Dreieck" der Region Moskau-Kiew-Minsk auf die Einreise in den Westen. 2003 stellte die EU 400 Millionen Euro zum Ausbau des europäischen Grenzschutzes zur Verfügung. Eine neue Agentur für die Sicherung der Außengrenzen wurde gegründet.

Vor allem Weißrussland spielt in den Plänen der EU eine wichtige Rolle: 40.000 Menschen versuchen nach Informationen des UNO-Flüchtlingswerks UNHCR jährlich, durch Weißrussland in den Westen zu kommen. Mit 1128 Kilometern hat die ehemalige Sowjet-Republik die größte Grenze zur erweiterten EU. Fünf Millionen Euro investieren UNO und EU deshalb in den Grenzschutz. Die Wachhunde der Grenzposten werden scharf gemacht, ein Computersystem für illegale Einwanderer soll es bald geben.

Den Flüchtlingen hilft das unterdessen wenig: In den Westen können sie nicht. Woanders, als im verstrahlten Gomel sind sie unerwünscht. Im ganzen Land werden Ausländer beschimpft und teilweise auch verprügelt. Strahlen-Experte Pflugbeil bleibt nur noch Sarkasmus, wenn er an die Flüchtlingspolitik der weißrussischen Regierung denkt. Die Gegend um Gomel sei doch sehr schön, meint er. "Solange man keinen Geigerzähler hat."


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