Tränen unter dem Schleier

Auf die Taliban folgte kein Ende des religiösen Fundamentalismus. Die geschlechtliche Gleichberechtigung – in der Verfassung festgeschrieben – ist noch nicht bis in die Privatsphäre vorgedrungen. Die afghanische Frau bleibt eine Bürgerin zweiter Klasse.
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Das Gewicht der Burka (ISAF)


Die Welt unter einer erstickenden Burka. Ein kleines Netz beeinträchtigt die Sicht soweit, dass es einen, im besten Fall, zum Stolpern bringt oder gar zu Zusammenstößen führt. Im Sommer verursacht die Hitze Schwindelanfälle und es bleibt fast keine Luft mehr zum Atmen. Doch das Grausamste ist, dass die Burka für die meisten Frauen das einzige Mittel ist, um sich auf der Straße sicher zu fühlen. Dreieinhalb Jahre nach dem Fall des Talibanregimes sind Zwangsverheiratungen minderjähriger Mädchen, öffentliche Exekutionen und Selbstmorde von Frauen, die die täglich erlittene Gewalt nicht ertragen, sind in Afghanistan immer noch weit verbreitet. Yakin Ertürk, die von der UN-Kommission für Menschenrechte und Gewalt gegen Frauen gesandt wurde, berichtete letzten Monat über den exemplarischen Fall eines achtjährigen Mädchens, die von ihrer Mutter im Alter von nur sechs Jahren in die Ehe verkauft wurde. Sie wurde nicht nur durch ihren Ehemann, sondern auch durch die restlichen Männer der Familie missbraucht.

?Amnesty International macht die Schuldigen aus: „Die Stammesregeln werden im Namen der Tradition oder der Religion herangezogen und benutzt, um den Verstoß gegen die Grundrechte der Frauen zu rechtfertigen. Wer diese übertritt, muss mit seiner Verhaftung oder Ermordung rechnen.“ Der letzte Afghanistanbericht der Organisation betont, dass „Ehemänner, Väter und Brüder ein Paralleljustizwesen aufbauen, das durch die Staatsbehörden und das Rechtswesen noch gestärkt wird.“


Tradition und Religion


Afghanistan ist ein Mosaik an Ethnien, Stämmen und Sprachen. Die Paschtunen stellen mit mehr als 52% Bevölkerungsanteil die größte Gruppe der 50 Ethnien dieses Landes. Die Taliban waren Paschtunen und viele der Ver- und Gebote, die sie einführten, wie die Burka, gingen auf Traditionen der Paschtunen zurück, nicht des Islams. Ein altes Sprichwort dieser Ethnie sagt: “Khazay la, ya kor, ya gor” (die Frau, im Haus oder im Grab). „Der Rawaj zufolge, dem Kodex, welcher in der paschtunischen Gesellschaft herrscht, ist der Mann der Bewahrer der falsch verstandenen Ehre. In Wahrheit trägt deren Gewicht einzig und allein die Frau. Sie wird das Opfer von Morden, die im Namen der Tradition in vielen ländlichen Gebieten ungeahndet bleiben. Dort werden Ehrenverbrechen als Privatsache behandelt.“, erklärt uns die afghanische Journalistin Samar Minallah.


Wie die Landkarte Afghanistans auch ausschaut, die Situation der Frau wandelt sich nicht übermäßig. Der Fundamentalismus und die Intoleranz sind kein ausschließliches Erbe des Regime des Talibanführers Mullah Omar, obwohl einige Experten meinen, dass, bis er an die Macht kam, die Situation der afghanischen Frau sich unterschiedlich darstellte, je nach Stamm, Ethnie oder Region des Landes, in der sie lebte. Die Taliban vereinheitlichten den Moralkodex unter den Traditionen einer der ärmsten, konservativsten und am wenigsten alphabetisierten Region Afghanistans.


Blumen oder Disteln?


Die neue afghanische Verfassung markiert eine erste Änderung des rechtlichen Rahmens. Der Text erkennt die Gleichberichtung der Geschlechter an und betont das Verbot solcher Bräuche und Traditionen, welche gegen die Menschenrechte und die der Frau verstoßen. Außerdem legt sie einen Mindestprozentsatz von Frauen im Senat und in der Regierung fest. Der Vorsitzende der Verfassungskommission Nematullah Shaharani erklärte feierlich am Tag der Verabschiedung: „Afghanistan ist ein Garten, in dem es viele verschiedene Bäume, Blumen und Disteln gibt. Die Blumen sind die Frauen.“ Die Versammlung applaudierte ihm. Der Präsident Hamid Karzai forderte „ein Afghanistan, frei von Vorurteilen und Hass, wo sich alle respektieren.“ Die Realität ist von diesen Worten noch weit entfernt. Die Organisationen der afghanischen Frauen stehen dem Engagement der aktuellen Regierung skeptisch gegenüber. Die „Revolutionäre Vereinigung der Frauen Afghanistans“ (RAWA) zweifelt an der „liberalen Fassade” Karzais und vermutet, dass er mit dieser Rede die USA zufrieden stellen wollte.??Von den 6000 Kandidaten der Parlaments- und Provinzwahlen vom 18. September sind 600 Frauen. Ihre jetzige Präsenz ist fast symbolisch, obwohl die derzeitige Gesundheitsministerin Sohaila Sediqq und die Gouverneurin von Bamiyan, Habia Surobi, Frauen sind. Sie sind die Gesichter einer Strategie, um Schritt für Schritt ihre Beteiligung in jenen Bereichen zu erhöhen, die ihnen Jahre lang verwehrt geblieben sind. Dennoch machten einige Kandidatinnen dieser Wahl öffentlich, dass sie von Fundamentalisten bedroht und angegriffen worden sind und dass einigen die Möglichkeit verwehrt wurde, öffentlich Reden zu halten, so dass sie gezwungen waren, die Versammlungen zuhause abzuhalten. Diese Drohungen wurden in dem Fall der jungen Moderatorin des afghanischen MTV, Shaima Rezayee, Wirklichkeit. Sie wurde ermordet wegen ihrer Mitarbeit in einem „zu liberalen“ Programm, wie der islamische „Rat der Ulemas“ meinte.

Dem Sprecher der EU-Entwicklungsabteilung Amadeu Altafaj zufolge sollten diese Dinge in ihrem Zusammenhang betrachtet werden: „Die Frauen sind in der öffentlichen Verwaltung vertreten und ihre Grundrechte sind ihnen garantiert, wie zum Beispiel das Recht auf Arbeit. Das Problem ist, dass sich die Auswirkungen dieser Jahre unter einem frauenfeindlichen Regime nicht nur mit einigen rechtlichen Veränderungen auf dem Papier überwinden lassen.“ Bei der Finanzierung von Projekten in Afghanistan liegt der Schwerpunkt der europäischen Zusammenarbeit auf der Gleichberechtigung der Geschlechter. Amadeu Altafaj zufolge „muss der internationale Druck aufrechterhalten werden damit dieser Kraftakt auch durchgeführt wird. Er fängt in der Schule an und wird wohl erst in einigen Jahren seine ersten Früchte zeigen.“??In Afghanistan herrscht eine Analphabetenrate von 80%. Neun von zehn Mädchen hatten unter der Taliban keinen Zugang zur Bildung. Viele Väter wollen auch heute nicht, dass ihre Töchter zur Schule gehen. Die Lehrerinnen aber müssen nun nicht mehr heimlich arbeiten.


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