Afghanistan hat gewählt

Kabul (dpa) - Überschattet von Gewalt haben die Afghanen am Sonntag erstmals seit 36 Jahren wieder ein Parlament gewählt. Der afghanische Präsident Hamid Karsai nannte die Wahl knapp vier Jahre nach dem Sturz der radikalislamischen Taliban und nach 23 Jahren Krieg und Bürgerkrieg einen "Wendepunkt". "Wir machen Geschichte", sagte er bei der Abgabe seiner Stimme in Kabul. Innenminister Ali Ahmad Dschalali sagte: "Die Feinde haben versucht, die Wahl zu stören, aber ihre Bemühungen wurden neutralisiert." Wahlergebnisse werden erst Mitte Oktober erwartet.
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Nach Dschalalis Angaben gaben mehr als die Hälfte der 12,5 Millionen registrierten Wähler ihre Stimme ab. Bei der Präsidentenwahl vor knapp einem Jahr lag die Beteiligung bei 70 Prozent. Der Cheforganisator der Wahlbehörde, Peter Erben, sagte, die Wahlbeteiligung sei am Morgen verhalten gewesen, habe dann aber in ganz Afghanistan stark zugenommen. Zahlen nannte die Wahlbehörde zunächst nicht. Augenzeugen sagten, Schlangen vor Wahllokalen seien anders als bei der Präsidentenwahl weitgehend ausgeblieben.

Sicherheitskräfte registrierten in mindestens zehn von 32 Provinzen Angriffe oder Anschlagversuche auf Soldaten, Polizisten, Kandidaten und Wahllokale. Mindestens elf Menschen kamen ums Leben. Dschalali sagte, die Wahl sei "generell friedlich" verlaufen. Die Wahlbehörde sprach von einer "extrem gesunden Wahl". Bei einem Anschlag auf US-geführte Koalitionstruppen in der südafghanischen Provinz Kandahar wurden nach französischen Armeeangaben ein französischer Soldat getötet und ein weiterer schwer verwundet.

Bei einem Raketenangriff in der ostafghanischen Provinz Kunar wurden nach Angaben des Innenministeriums vier Zivilisten getötet. Beim Einschlag einer Rakete auf einem UN-Gelände am Rande Kabuls wurde ein afghanischer UN-Mitarbeiter leicht verletzt. Die Taliban, die zum Wahlboykott aufgerufen hatten, übernahmen die Verantwortung. Mindestens vier Rebellen und zwei afghanische Polizisten kamen bei weiteren Kämpfen ums Leben. Die US-Streitkräfte teilten mit, Koalitionstruppen seien mehrfach beschossen worden.

Wahl-Cheforganisator Erben nannte die Sicherheitslage bei der Wahl "generell sehr gut". Nur in 15 der 6300 Wahlzentren sei es zu Problemen gekommen. Dschalali sagte, mehr als zehn Rebellen seien festgenommen worden, darunter auch Ausländer. Die Taliban hatten zum Wahlboykott aufgerufen.

Augenzeugen berichteten von vereinzelten Unregelmäßigkeiten. Wahlbeobachter wollen ihre Berichte erst in den kommenden Tagen vorlegen. 4700 afghanische und 500 ausländische Wahlbeobachter waren im Einsatz. Karsai hatte bei der Stimmabgabe in der Hauptstadt Kabul eine freie und faire Wahl zugesichert. 12,5 Millionen Afghanen hatten sich als Wähler registrieren lassen.

Knapp 2800 Kandidaten bewarben sich um 249 Parlamentssitze, von denen mehr als ein Viertel für Frauen reserviert sind. Parteien waren nicht zur Wahl zugelassen. Die Bewerber traten als unabhängige Kandidaten an. Eine politische Bewertung des Wahlergebnisses wird sich daher kaum machen lassen. Zeitgleich mit dem Parlament wurden auch die Räte der 32 afghanischen Provinzen gewählt.

Die Wahl fand unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Die mehr als 30 000 internationalen Soldaten und rund 100 000 afghanischen Sicherheitskräfte bleiben auch während der Stimmenauszählung im Einsatz. Sie sollte am Montag beginnen und bis zum 9. Oktober andauern. Anschließend will die Wahlbehörde vorläufige Ergebnisse verkünden. Nach einer Einspruchszeit soll das Endergebnis der Wahlen am 22. Oktober bekannt gegeben werden.


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