Afghanistan vor einer historischen Wahl

Zwölfeinhalb Millionen Afghanen sind am Sonntag zu den Urnen gerufen, um eine Volksversammlung und 34 Provinzparlamente zu wählen. Es ist das erste Mal seit 33 Jahren, dass eine Parlamentswahl stattfindet. Dies mag den Enthusiasmus namentlich in den Städten erklären, auch wenn sich, wegen des Wahlsystems und des Geldmangels der Kandidaten, der Wahlkampf grossenteils auf Plakataktionen und Mundpropaganda beschränkte. Der Enthusiasmus war auch bei den Kandidaten zu spüren. Er wurde nur gedämpft durch die Sicherheitsbedenken, die an den zwei Leibwachen sichtbar wurden, die jeder Kandidat beanspruchen konnte.
Mutige Kandidatinnen
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Dennoch schrieben sich nicht weniger als 7800 Anwärter für die 249 Parlamentssitze und die insgesamt 420 Provinzräte ein. Ein Viertel von ihnen sind Frauen. Dies ist nicht nur der Frauenquote zu verdanken; die Befreiung vom Joch der Taliban hat eine Emanzipationsbewegung ausgelöst, der sich heute sogar konservative Männer widerstrebend fügen. Die Präsidentin der Nationalen Menschenrechtskommission berichtete am Donnerstag, Mullahs hätten Frauen für ihre Kampagne sogar die Zeit des Freitagsgebets zu Verfügung gestellt.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind gross. Über 100 000 Polizisten und Soldaten sind am Sonntag im Einsatz, und die internationalen Brigaden der Anti-Terror-Koalition und der Schutztruppe befinden sich in erhöhter Bereitschaft. Sie müssen auch die 7500 Wahlbeobachter beschützen, insbesondere die 500 internationalen Beobachter, die in den letzten Tagen ins ganze Land ausgeschwärmt sind. Die Sicherheitslage hat sich in diesem Jahr markant verschlechtert, mit über 1100 Toten und 5 Kandidatenmorden. Dennoch war der Wahlkampf selber erstaunlich ruhig verlaufen, und die drei bewaffneten Angriffe auf Kandidatinnen erhöhten nur die Bewunderung für den Mut, den viele Frauen aufbringen.

Ein europäischer Wahlbeobachter meinte, das Wahlsystem sei keineswegs perfekt, doch sei dessen Einfachheit vielleicht das richtige für ein Land, das den Weg zur Demokratie eben erst begonnen habe. Afghanistan hat sich für parteilose Wahlen entschieden, bei denen jeder Wähler eine Stimme hat und jene Kandidaten gewinnen, welche die grösste Stimmenzahl auf sich vereinigen. Jede Provinz ist ein Wahlkreis, was nicht nur den Wahlkampf der schlechter dotierten Kandidaten einschränkte, sondern auch zu einer Aufblähung der Kandidatenlisten führte. In Kabul ist der Wahlzettel eine siebenseitige Zeitung in Grossformat. Dies macht es der Mehrheit der Wähler - viele von ihnen Analphabeten - schwer, einen Stimmentscheid abzugeben. Die Grösse der Wahlkreise, einige halb so gross wie die Schweiz, fördert zudem Kandidaten mit viel Geld. In Afghanistan sind dies Warlords, namentlich jene mit Verbindungen zum Drogengeschäft. Sie verfügen auch über ein weit dichteres Netz von Agenten, die versuchen könnten, Wähler im Stimmlokal einzuschüchtern. Die Präsidentenwahl hat aber gezeigt, dass sich eine grosse Mehrheit der Wähler nicht abschrecken liess und auf der Vertraulichkeit der Stimmabgabe.



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