Erstes internationales Theaterfestival in Kabul

Kabul erlebt dieser Tage eine Premiere der besonderen Art. William Shakespeares "Romeo und Julia" als Inszenierung eines Inzests. Der vermeintliche Tabu-Bruch ist in Afghanistan Notwendigkeit. Denn eine leidenschaftliche Liebestragödie ist auf den Kabuler Bühnen auch heute noch undenkbar.
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Dialog der Kulturen - diese Fähigkeit hat Regisseur Maurice Durozier vom Pariser "Théatre du Soleil" bei der Inszenierung von William Shakespeares "Romeo und Julia" in Kabul unter Beweis gestellt. Romeo ist ein schwarzhaariger, junger Mann, kaum älter als zwanzig Jahre. Julia ist seine Schwester. "Alles andere hätte zum Abbruch der Proben geführt und wäre hier nicht vermittelbar gewesen”, sagt Durozier. Mit seiner Inszenierung hat er eine kulturelle Gradwanderung gewagt. Kurzes Händehalten, ein Handkuss - das ist alles, was von der leidenschaftlichen Liebestragödie bleibt.

Romeo schmachtet auf dem Kabuler Theaterfestival nicht sehnsüchtig zum Fenster von Julia hinauf. Die Angebetete selbst kniet ganz einfach auf einem erhöhten Tisch, verdeckt von einem Stofftuch, das sie wie einen Küchenvorhang beiseite schiebt. Julia trägt kein Kopftuch.
Riskante Berufswahl

Frauen haben es auf afghanischen Bühnen auch heute noch, nach dem offiziellen Ende des Taliban-Regimes, schwer. Eine einzige Theaterrolle kann reichen, um eine Schauspielerin lebenslang im Geruch der Luderei verkommen zu lassen. Am "Dramatic Art Center" der Kabuler Fakultät für Höhere Künste ist zurzeit eine einzige Frau eingeschrieben.

In der Inszenierung von Durozier ist die Darstellerin der Julia die einzige Frau auf der Bühne. Die übrigen weiblichen Rollen werden von Männern gespielt. Auch die Rolle des Franziskanermönchs Lorenzo, der im Stück Romeo und Julia in Eile traut, war schwer zu besetzen. Ein erster Darsteller sprang wieder ab. Ihn plagten religiöse Skrupel ob dieses Aktes von Inzest.

Schauspielerin in Afghanistan: Künstlerin oder Luder?

Die ausländischen Gastregisseure muten beim internationalen Theaterfestival in Kabul Schauspielern und Publikum einiges zu. Die deutsch-französische Dramaturgin Corinne Jaber inszenierte "Love’s Labour’s Lost" ("Verlorene Liebesmüh"). Bei ihr bilden vier Frauen immerhin die Hälfte des Ensembles. Geübt wurde im Garten einer afghanischen Kulturstiftung. Manchmal bis acht Uhr abends und länger. Das ist ungewöhnlich spät für afghanische Verhältnisse, weshalb eine der Schauspielerinnen sich den Ärger ihres Schwagers zuzog: Er setzte sie kurzerhand auf die Straße.
Die Freiheit probieren und ausleben

Anders als bei internationalen Filmfestivals in Kabul unterliegt das Theaterfestival keiner Zensur durch das Ministerium für Kultur. "Das hat Theater-Gruppen aus dem ganzen Land ermutigt, gesellschaftskritische Themen aufzugreifen und mit jungen Frauen zu arbeiten. Diesmal sind sogar Darstellerinnen aus Kandahar dabei, der ehemaligen Taliban-Hochburg”, sagt Julia Affifi. Die Deutsch-Afghanin, die in Frankfurt Theaterregie studiert hat, ist als Ko-Leiterin des Festivals treibende Kraft. Erstmals werden in diesem Jahr bester Autor, bester Schauspieler und bester Regisseur ausgelobt. "Das motiviert nicht nur, sondern steigert auch die Qualität und erhöht das Selbstbewusstsein der Darsteller”, sagt Affifi.

Denn was afghanischen Schauspielern und Schauspielerinnen noch immer am schwersten fällt, ist, sich die Bühne als Raum für Individualität und Kreativität anzueignen. Darin sind sich die geladenen Regisseure einig. Auf afghanischen Bühnen - so die Gastregisseure aus Europa - ist es noch immer schwer, die eigene Freiheit zu probieren und auszuleben.


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