Abdul Qader Bedel und seine Stellung in den Ländern des persischen Kultur- und Sprachkreises

Es sind nun zwei Jahrzehnte seit der Erstveröffentlichung des Diwans von Abdul Qader Bedel (auch Hakim Abdul Qader-e Bedel Dehlawi bzw. Mirza Abdul Qader Bedil, Bidel, Behdel usw.), einem großem persisch-sprechenden Dichter des 17. Jahrhunderts aus Delhi (1720) vergangen.
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Diese Gedichtsammlung ist im Iran zu seinem 250. Todestag herausgegebenen worden. (Er lebte und wirkte in dem von Babur gegründeten Moghulenreich, das die Sprache Farsi in Indien förderte. Hakim Abdul Qader Bedel ist im Sonnenjahr 1024, (1054 islamisches Mondjahr, entsprechend 1645 n. C.) in Patna geboren und im Sonnenjahr 1100, (1133 islamisches Mondjahr, entsprechend 1721 n. C.) gestorben. (2005 entspricht dem Sonnenjahr Jahr 1383/84 und 1425/26 des islamischen Mondjahres).

Vor diesen zwei Dekaden erwähnte Iran kaum seinen Namen. Erstaunlich ist dabei, dass - wenn man bedenkt, dass Iran als eine der wichtigsten Hochburgen der Literatur der Sprache Farsi e Dari (persische Hoch- Schrift- und Hofsprache) gerade diesen bedeutenden Dichter des Dari nicht entsprechend gebührend würdigte und er daher dort unbekannt geblieben ist.

Währenddessen war der berühmte Ghazal-Dichter in anderen persischsprachigen Ländern berühmt und bekannt. Sie veröffentlichten trotz mangelnder Möglichkeiten einige seiner literarischen Werke, führten Lesungen durch und veranstalteten über sein Lebenswerk literarische Abenden unter dem Terminus technicus „Shabe Aschoqan Bedel“ = Abend der Bewunderer von Bedel).

Bedel wird in Afghanistan und Tadschikistan genauso wie Hafis und Mawlana (Rumi) gerühmt und verehrt.

Vor drei Jahrzehnten wurde Bedel an iranischen Universitäten als „Dichter mit dem indischen Stil“ bezeichnet und wegen seiner besonderen Allegorien, Übertreibungskunst, komplexen Texte, Ambiguitäten und Paradoxen seiner literarischen Aussagen beinahe als einen "Dissidenten" betrachtet. Die Komplexität seines philosophisch orientierten literarischen Stils wird dafür verantwortlich gemacht, dass Bedel im Iran keine Anerkennung fand.

Solche Aussage, die u.a. auch vom Literaturpapst Zabiullah Saffa vertreten wird, kann sich nicht mehr erhärten. Dadurch wird sicherlich einer Alibi-Funktion Rechnung getragen werden, aber kein Grund dafür sein, warum Iran diesen hervorragenden Literaten der persischen Sprache ignorierte. Denn Bedel wird in Afghanistan und in den Ländern oberhalb des Mawaraul Nahr (Amu Daria) in Zentralasien anerkannt, gar verehrt, obwohl der literarische Bildungsstand im Dari (persische Standardsprache) niedrig und die Alphabetisierungsrate in diesem Kultur- und Sprachraum groß ist. Wie kann dieses Paradoxon erklärt werden, dass diesem Dichter mit Neigung zu komplizierten Texten in Afghanistan derart großer Respekt gezollt wird?

Die sich mit literarischen Texten beschäftigenden Experten haben einige Gründe für das Vergessen des Dichters im Iran herauskristallisiert:

1. Die indische Literaturschule ist bereits out. Die Dominanz der „Schule der Wiederkehr“ im Iran ist ein Grund dafür, warum Bedel dort nicht beachtet und kaum am Rande erwähnt.
2. Trotz der komplizierten abstrakten Begrifflichkeiten seiner Bildersprache und Übertreibungen bzw. Untertreibungen ist Bedel in Afghanistan gebührend gewürdigt worden, da Metrik, Reim und Versmaß des Dari mit der indischen Literaturgattung in Afghanistan erhalten blieb und weitergepflegt wurde. Sie ist bei der Jugend sehr beliebt. Jeder Musiker aus Afghanistan hat in seinem Liederrepertoire indische Lieder oder Ghazal-Dichtung mit indischem Versmaß. Zudem hat Afghanistan im Bezug auf die Literatur kaum eine Renaissance erfahren.
3. Bedel's Sprache ist von der Hofsprache des Dari in Delhi beeinflusst und weit entfernt von der dynamischen Pragmatik der Sprache, die im Laufe der Zeit im Iran Wendungen und Wandlungen durchlebte. Bedel gebrauchte Redewendungen und Termini, die im Iran zwar nicht mehr oder selten verwendet werden, jedoch in Afghanistan und anderen Länder Zentralasiens immer noch zum Sprachrepertoire gehören.
4. Bedel's Mystik ist von Opponenten der arabischen Schule Ibne Ariaba stark kritisiert worden.

Oben genannte Gründe können nicht isoliert von einander eine Rechtfertigung dafür sein, dass Iran den Dichter vergessen hat. Es sind andere, eher verborgene Gründe, die eine Rolle spielen. Nach der konstitutionellen Monarchie wurde im Iran insbesondere der ethnisch-nationalen Sichtweise eine große Bedeutung zugemessen.

Nach der Zerschlagung des großen Kulturkreises des persischen Sprachraums und die Gründung von unabhängigen Staaten, ja gar gelegentlich von Staaten, die in Gegnerschaft zum Mutterland standen, sind Nationalismus und Nationalstaatlichkeit als Konzept und Instrument zur Machterhaltung mittels nationaler Einheit offeriert worden.

Diese Tendenz wurde auch in der Literatur salonfähig, so dass die Einwohner der Teilstaaten des Kultur- und Sprachkreises verstärkt ihre nationale Identität auf der Grundlage ihrer eigenen literarischen Ahnen schöpfen wollten und sie in den Vordergrund rückten, zumal diese Dichter und Denker in der Vergangenheit dem gemeinsamen Sprachraum angehörten.

Die permanente Teilung und konkurrierende Haltung erschwerten den Einwohnern des ehemals gemeinsamen Kultur-, Sprach- und Religionskreises, jene Dichter und Denker als ihre eigenen nationalstaatlich zugehörigen Dichter zu bezeichnen, vorausgesetzt sie waren damals im Sprachraum mit den heutigen bestehenden Grenzen geboren und gehörten dem eigenen Volksstamm an. Heute gibt es einen vergeblichen, nicht enden wollenden Disput und eine destruktive Diskussion der Bürger Irans und Afghanistans über die gemeinsamen Dichter, die auf den Boden des heutigen Irans und Afghanistans geboren, gelebt und gewirkt haben.

Somit wurde die Würdigung von Geburtsort und Volkszugehörigkeit des Dichters abhängig gemacht und der Bekanntheitsgrad des Dichters hing von dem jeweiligen Land ab, in dessen heutigen Grenzen die Literaten in jenen Zeiten lebten. So wurden z.B. Ferdoussi, Hafis und Saadi im Iran, Sanai und Dschami in Afghanistan und Rudaki in Tadschikistan ein besonderer Stellenwert zugeschrieben.

Selbstverständlich waren die Instrumente zur Public Relation im Iran aufgrund der besonderen Aufmerksamkeit der Regierung im Vergleich zu den anderen Ländern straff organisiert. Diese Sichtweise konnte die Zuwendung auf die großen gemeinsamen Dichter lenken, die auf dem Boden des heutigen Irans geboren sind, nicht aber auf Bedel, der nicht hier geboren ist, sich hier nicht aufhielt und keine Reise hierhin unternommen hat.

Die nicht-iranischen Volkszugehörigkeit von Bedel ist also der Grund dafür, warum er im Iran ignoriert wurde. Natürlich, weil er kein „Landsmann“ ist, soll er unbekannt sein. Auch die Tatsache, dass eine Reihe von Dichtern wie Sanai Ghaznawi, Kamal Khodjandi, Sa-if Farghani, Amir Khossrau Dehlawi, Ghani Kaschmiri, Wagef Lahori (aus Lahore), Ghaleb Dehlawi (aus Delhi) und Iqbal Lahori, die nicht auf dem heutigen Gebiet Irans geboren sind, kaum Aufmerksamkeit seitens des Irans gewidmet ist, erhärtet unsere Sichtweise, zumal oben genannte Dichter nicht von komplizierten literatisch-philosophischen Phänomenen Gebrauch machten.

In Afghanistan lag die Voraussetzung für die Würdigung von Bedel vor. Die indische Literaturgattung bzw. die indische Schule ist allenthalben im Hindukusch ("Berge der Hindus") und insbesondere bei der Jugend des Landes sehr beliebt. Ferner ist der Gedanke einer ethnisch einschränkenden bzw. nationalen Tendenz in Afghanistan zu schwach. Die Regierung stand nicht dahinter.

Die Aufmerksamkeit ist erst kurz nach der islamischen Revolution im Iran auf Bedel gelenkt worden. Seit dieser Zeit sind ca. 20.000 Verse seiner Ghazal-Dichtung herausgegeben und mehrere seiner Werke veröffentlicht worden.

In letzter Zeit sind Werke einiger weiter oben genannter Dichter im Iran herausgegeben worden. Offenbar ist jetzt nicht mehr der Geburtsort eines Dichters ausschlaggebend, sondern die Sprache, in der er seine Werke geschrieben hat. Dies gibt Anlass zur Zuversicht. Exilafghanen im Iran haben einen Beitrag zur Würdigung eines aus Indien stammendenden großen Dichter der persischen Sprache geleistet.

Der große Meister der afghanischen klassischen Musik, Ustad Sarahang, war ein großer Interpret der Dichtung von Bedel.


Hier einige Gedichte des Meisters der Sprache Dari:
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In den stürmischen Zeiten ist die Ewigkeit wie ein Seifenblase
Unserer Ruhe und Besonnenheit ist zu verdanken, dass das Kerzenlicht des Seins noch brennt.

Bedel, hasserfülltes Leben ist Leiden
Nur Sterben ist dessen Heilen
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Von Mohammad Kazem Kazemi, Schriftsteller
BBC 15.08.05

frei übersetzt von: Dr. Mir Hafizuddin Sadri


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