Hitparade statt Taliban: «Afghanischer Elvis» ewige Nummer eins

Das hätten sich die Taliban nicht träumen lassen: Bis zum Sturz der lebensfeindlichen Gotteskrieger Ende 2001 wurde in Afghanistan verprügelt und eingesperrt, wer beim Musik hören erwischt wurde. Heute schalten jeden Freitag, dem muslimischen Feiertag, etliche Menschen in den Städten ihr Radio ein - und warten gespannt auf die Hitparade.
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Die ersten und bislang einzigen Charts Afghanistans werden von Arman FM produziert und ausgestrahlt, dem einzigen kommerziellen Privatradio des Landes. Die «Top 40» sind nach Angaben des Senders ein durchschlagender Erfolg.

Aussagekräftige Statistiken gibt es am Hindukusch nicht, und so erfordert die Platzierung in den Charts eine ganze Menge Improvisationstalent: Mitarbeiter des Senders tingeln in der Hauptstadt Kabul von Musikladen zu Musikladen und fragen dort nach, welche Kassette gerade am besten verkauft wird - eine Hitparade der Interpreten also. Ist der beliebteste Sänger gefunden, suchen Redakteure aus, welches seiner Lieder gespielt werden soll.

Das sichert zumindest Abwechslung, denn bei den Interpreten hat sich seit Sendebeginn der Charts vor einem Jahr auf dem Spitzenplatz gar nichts bewegt: Unangefochten auf Platz eins ist der afghanische Sänger Ahmed Zahir, und niemand bei Arman FM (auf Deutsch in etwa: «Wunschradio») glaubt, dass er die Position in absehbarer Zeit räumen wird. Erstaunlich für eine junge Popwelle, als die sich der Sender sieht: Zahir - der Sätze singt wie «Wenn Du heute Nacht zu mir kommst, werde ich Blumen regnen lassen» - ist seit 26 Jahren tot.

Das tut seiner Popularität bei Jung und Alt am Hindukusch aber keinen Abbruch. Arman-Manager Massood Sanjer Ghayoor nennt Zahir «den afghanischen Elvis Presley» - kein Afghane, der den Barden und seine schmachtenden Liebeslieder mit Gitarre und Akkordeon nicht kennt. Westliche Bands haben gegen Zahir und andere heimische Sänger keine Chance: In dieser Woche hat es nur Jennifer Lopez in die afghanischen Charts geschafft, und das mit Platz 39 auch nur gerade eben noch. Beliebter sind da schon Interpreten aus Iran, Indien oder der Türkei.

Nicht nur die Hitparade hat Arman FM populär gemacht. Hörer können bei dem Sender anrufen und werden live ins Programm geschaltet, die Redaktion erfüllt persönliche Musikwünsche, und bei Gewinnspielen bricht gelegentlich das Mobilfunknetz zusammen. Täglich bekommt die Redaktion rund 2500 Anrufe und Briefe, manche der Schreiben seitenlang und liebevoll mit aufgeklebten Herzen gestaltet. Außerdem gibt es regelmäßig Nachrichten - bei dringenden Meldungen unterbricht Arman FM sogar das laufende Programm.

Drei afghanisch-stämmige Brüder aus Australien bauten die Station auf, im April 2003 ging Arman FM erstmals auf Sendung - damals arbeiteten dort neun Menschen. Heute sind es 170 Mitarbeiter, viele davon drängen sich in vier Zimmern in einem viel zu kleinen Wohnhaus in der Kabuler Innenstadt. Privatradio in Afghanistan - das Experiment scheint geglückt zu sein. Der Sender, sagt Stationsmanager Ghayoor, brauche keine Hilfsgelder, im Gegenteil: Arman FM mache Gewinn - mit verkaufter Werbezeit. «Arman hat seinen Platz in der afghanischen Gesellschaft gefunden.» Selbst die Kritik konservativer Muslime sei inzwischen verstummt.

Ghayoor kennt die Zeiten noch, als es nicht nur kein Privatradio, sondern auch keine Musik in seiner Heimat gab. Bevor der heute 26- Jährige mit dem smarten Anzug bei Arman FM anheuerte, verlas er fünf Jahre lang Englisch-Nachrichten - auf Radio Taliban. Ein Foto aus der Zeit hat er noch im Geldbeutel, es zeigt einen ernsten jungen Mann mit einem Turban, wie ihn die Gotteskrieger trugen. «Sie können sich gar nicht vorstellen», sagt Ghayoor und lächelt beim Gedanken an den alten Job, «was das für ein Unterschied ist»



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