Der Islam ist moderat!

Demokratische Reform und islamische Tradition -
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seit dem Wahlsieg der "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) unter Ministerpräsident Erdogan Ende 2002 ist in der Türkei ein politisches Synthese-Experiment im Gang, welches das Verhältnis zwischen Europa und der muslimischen Welt von Grund auf wandeln könnte. Zu den Vätern dieses Versöhnungsversuches gehört der Theologe und Philosoph Mehmet Aydin, im Kabinett Erdogan Staatsminister für Religionsangelegenheiten.
Sind Islam und Demokratie miteinander vereinbar?

Demokratie beruht auf Grundwerten: Partizipation zum Beispiel, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Transparenz und Verantwortlichkeit. Wenn wir nach ihrer Kompatibilität mit dem Islam fragen, müssen wir prüfen, was er zu diesen Werten sagt. Türkische Gelehrte haben sich damit schon im 19. Jahrhundert beschäftigt. In der Spätzeit des osmanischen Staates etwa entwickelte das damalige religiöse Oberhaupt des Reiches, Musa Kazim, die Unterscheidung zwischen Autoritarismus und Herrschaft des Rechts - und er stellte fest, daß das Recht dem Geist der Offenbarung näher stand als die autoritäre Ordnung. Warum? - Der Koran gibt hier durchaus Hinweise. Er sagt zum Beispiel, daß Meinungsverschiedenheiten durch "Beratung" geklärt werden sollen. Das ist ein klarer Hinweis auf demokratische Methoden. In der Politik nämlich führt "Beratung" direkt zum Bild des Parlaments. Das Parlament erscheint damit als Weiterentwicklung eines koranischen Begriffs. Musa Kazim folgerte daraus, daß eine Verfassungsordnung, islamisch gesehen, eine Notwendigkeit sei. In der türkischen Tradition sind auf diese Weise eine ganze Reihe von demokratischen Werten und Rechten religiös entwickelt worden. Bei der Verwirklichung dieser Rechte gibt es zwar noch Schwierigkeiten, aber wir hoffen, daß wir das bald bereinigen werden.

Gilt das auch für die Gleichberechtigung von Mann und Frau? Manche islamischen Länder haben damit Schwierigkeiten.

Das islamische Denken an sich hat kein Problem mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Es gibt genügend islamische Argumente, sie nicht nur zu akzeptieren, sondern auch aktiv zu verteidigen. Dementsprechend gibt es in der Türkei das Frauenwahlrecht schon seit den dreißiger Jahren - als man in vielen europäischen Ländern davon noch nicht einmal zu träumen wagte. Trotzdem gibt es hier noch Mängel. Wir haben zum Beispiel noch nicht genug Frauen im Parlament.

Meinen Sie tatsächlich, daß die Unterdrückung der Frau in islamischen Staaten wie Iran oder Saudi-Arabien rein gar nichts mit Religion zu tun hat?

Bei der Interpretation religiöser Überlieferungen kann man immer Fehler machen. Nach unserem Verständnis von Islam allerdings ist Gleichberechtigung kein Problem. Dafür gibt es zahllose theologische Argumente. Die Religion gibt in vielen Fragen zwar keine detaillierten Anweisungen, aber sie weist die Richtung. Wenn man nach der Richtung des Islam fragt, dann zielt er deutlich auf eine freie Gesellschaft. Diese Tendenz kann universell angewendet werden - auch auf die Rechte von Frauen.

Ist damit der moderate Islam eine ebenso gute Grundlage für Demokratie wie etwa die europäische Aufklärung?

Ich verwende das Wort "moderater Islam" nicht gerne, weil der Islam an und für sich eine moderate Religion ist. Wenn man da ein Adjektiv hinzufügt, bekommt man ein Problem. Wir haben aber, alles in allem, zwei Argumentationsstränge, die zur islamischen Demokratie führen. Man kann erstens von der Demokratie ausgehen und sagen, daß Demokratie, wenn sie Demokratie sein will, in muslimischen Ländern eben islamische Züge haben muß. In der Türkei von heute dagegen wird anders argumentiert. Wir prüfen die Grundwerte der Demokratie und kommen zu dem Schluß, daß sie auch theologisch begründet werden können. Das reicht vom Volkswillen bis zur allgemeinen Wahl. Hier spielt im Islam zum Beispiel die Idee des "Idschtihad" eine Rolle. Sie sagt, daß jedes Individuum, das Urteilskraft besitzt, das Recht hat, gehört zu werden. In der Welt der Politik führt das zum Gedanken der Teilhabe. Ich glaube, da wir solche Argumente zur Unterstützung der Demokratie besitzen, sollten wir sie auch vortragen. Und wir haben sie: Persönlichkeitsrechte, Willensfreiheit, Beratung, Konsens, Vertragsfreiheit - all das kann Demokratie und Islam verbinden.

In Deutschland debattieren wir gerade heftig über das muslimische Kopftuch. Ist der "Hidschab" ein Symbol für islamistischen Extremismus?

Ganz klar: nein. Das Kopftuch kann aus tausend Gründen getragen werden. Es hat zwar eine religiöse Dimension. Aber wenn eine Frau glaubt, sie müsse sich bedecken, dann kann ich als Demokrat nur sagen: Dazu hat sie das Recht.

Auch als Staatsbedienstete?

Das hängt davon ab, wie wir unsere Behörden organisieren. Es kommt darauf an, so pluralistisch wie möglich zu sein, so daß Menschen mit anderen kulturellen Leitbildern eine Chance behalten, wenn sie die Grundwerte der Demokratie nicht in Frage stellen. Eine Frau kann ihr Haar bedecken und zugleich sehr moderne, demokratische Ansichten haben. Sie kann die Gleichberechtigung von Mann und Frau unterstützen und die Menschenrechte im Allgemeinen. Wir andern aber haben nicht das Recht, ihr eine Interpretation ihrer Kopfbedeckung vorzuschreiben. Damit macht man man aus einer Nebensache ein schweres Problem.

Ist es ein Akt der Diskriminierung, diese Frauen von bestimmten Berufen auszuschließen?

Es kommt darauf an, ihnen eine Chance zu geben. Wenn wir eine Tür schließen, sollten wir jedenfalls eine andere öffnen. Wenn man zum Beispiel verschiedene Schulen mit jeweils verschiedenen Standards für die unterschiedlichen Lebensformen hat, dann kann jeder für diese Besonderheiten Raum finden. Dann ist ein Kopftuch ebensowenig ein Problem wie ein Kreuz oder eine Kippa. All diese Symbole waren bisher nicht problematisch, und es fällt mir nicht leicht, zu verstehen, warum sie es plötzlich sein sollen.

Ist Ihre Vision von der Harmonie der Kulturen nicht unhistorisch? Schließlich sind gerade Islam und Christentum immer wieder die Religionen von Eroberern gewesen. Ganze Kontinente wurden im Namen Allahs oder im Namen Christi unterworfen.

Wir sollten fair sein. Haben die muslimischen oder christlichen Eroberer wirklich im Namen der Religion gehandelt? Ich glaube nicht, daß Menschen sehr oft wegen ihres Glaubens in den Krieg ziehen. Meist haben sie andere Gründe. Die Religion kommt dann manchmal als Rechtfertigung und als Ansporn hinzu. Übrigens zeigt Europa selbst, daß sich Demokratie auch dann entwickeln kann, wenn nicht alle religiösen Überlieferungen freiheitlich sind. Bei Lukas heißt es etwa: ,Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie, hereinzukommen.' Da spricht die Bibel ausdrücklich vom ,Nötigen'. Der Koran dagegen sagt: ,Kein Zwang im Glauben.' Klarer kann man sich kaum ausdrücken."

Mit Mehmet Aydin sprach Konrad Schuller.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2004, Nr. 80 / Seite 5


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