Mohammeds deutsche Geschwister

Sie predigen den Koran und das Grundgesetz, sie werben für Kopftuch und Frauenrechte: Deutsche, die zum Islam übergetreten sind von Till-R. StoldtMurad Hofmann ist auf dem Weg ins Paradies - so fühlt er sich, und so sieht er auch aus: In ein Pilgergewand aus leuchtend weißen Leinentüchern gehüllt und mit feierlicher Miene wandert er bei 60 Grad Hitze zur Großen Moschee von Mekka. An der heiligen Stätte des Islam will er Zwiesprache halten mit seinem Schöpfer - allerdings nicht still und einsam, sondern begleitet von über zwei Millionen lärmenden Pilgern. Plötzlich ertönt aus den Lautsprechern, die an jeder Ecke aufgestellt sind, der Gebetsruf des Muezzins. Schlagartig verwandelt sich die chaotische Masse in ein diszipliniertes Millionenheer in leuchtend weißer Uniform: Über zwei Millionen Araber, Senegalesen und Inder verneigen sich vor Allah, gehen auf die Knie und drücken ihre Stirn zu Boden. "Millionen Menschen auf einem Fleck, die Gott ernst nehmen", schießt es Murad Hofmann beeindruckt durch den Kopf. Wehmütig denkt er an Deutschland und wundert sich, warum er so etwas nicht in seiner Heimat erleben kann. In der Bundesrepublik stellen sich immer mehr Menschen diese Frage. Zwischen 12 000 und 100 000 Deutsche soll es geben, die zum Islam konvertiert sind. Genau weiß und zählt das niemand. Darunter sind Diplomaten und Geschäftsleute, die lange in der islamischen Welt lebten, konservative Kulturkritiker, Sinn suchende Aussteiger, denen Yoga und Meditation keinen inneren Frieden brachten, oder "Liebesmuslime", die Kreuz gegen Halbmond tauschten, um ihren Partner heiraten zu dürfen. Für Dr. Murad Winfried Hofmann, den früheren deutschen Botschafter in Algerien und Marokko, ist Islam vor allem "der Garant eines würdigen Lebens". Die letzten Fragen nach Leben und Tod nicht beantworten zu können, sei eines Menschen unwürdig. Das sagt der 72-Jährige nicht einfach dahin. Sieben Jahre kämpfte seine erste Frau gegen eine Krebserkrankung, um ihren kleinen Sohn aufwachsen zu sehen. Dann starb sie. Bei Christen fand Hofmann keinen Trost, keine Antwort darauf. Da erlebte er nur Szenen wie die vor einigen Jahren, als er am Tag der offenen Tür einen evangelischen Pfarrer in der Moschee traf. Der schwärmte, Muslime würden ja noch richtig offen über Gott reden. In seiner Kirche sei das anders. "Da sieht man's mal wieder" hätte Hofmann am liebsten entgegnet, wirft er den Kirchen doch vor, "sich dem völligen Glaubensverlust in Europa ergeben zu haben". Auch das trieb ihn in die Arme des Islam - allerdings nicht in die Arme antiwestlicher Hetzer. Extremisten wie der Deutsch-Pole Christian G., der nach Afghanistan reiste, um bei bin Laden in die Lehre zu gehen, sind unter den Konvertiten kaum vertreten. Im Gegenteil. Bei einem von Murad Hofmanns zahlreichen Auftritten vor deutschen, vor allem aber nichtdeutschen Muslimen sprang ein Araber aus dem Publikum auf und begann zornig über "den Westen" zu schimpfen - diesen gottlosen Sündenpfuhl aus Pornos, Dreck und Drogen. Hofmann stand an seinem Rednerpult, ärgerte sich ein bisschen, dann fragte er zurück: "Ach ja? Warum leben Sie dann noch hier in dieser Hölle?" Seine Vorträge haben tatsächlich etwas von Test-the-West-Veranstaltungen. Denn neben den bösen Westen der Pornos, Drogen und Atheisten stellt er stets den vorbildlichen Westen - der Menschenrechte und Frauenemanzipation, der Demokratie und des funktionierenden Rechtsstaates, von dem die islamische Welt doch nur träume. Wenn er anschließend gegen die "Gangster um bin Laden" wettert und vom Publikum fordert, sich nicht mit jedem Gewalttäter zu solidarisieren, der es irgendwo auf der Erde im Namen Allahs knallen lässt, dann erntet er zwar auch verstörtes Gemurmel - aber vor allem Applaus. Denn wie viele Konvertiten ist Hofmann ein leidenschaftlicher und überzeugender Missionar. Wobei sein Eifer nicht nur dem Ziel gilt, Deutsche für den Islam zu gewinnen, sondern auch zugewanderte Muslime für Deutschland. Und anders als zahlreiche Integrationsbeauftragte kann er dabei Erfolge verbuchen, weil Hofmann nicht Koran gegen Grundgesetz auszutauschen verlangt, sondern das Grundgesetz im Koran findet. "Nix Paradies!" sagt Abu Bakr Rieger mit mahnendem Zeigefinger. Der sonst so freundlich badensernde Mittvierziger aus dem Schwarzwald spricht plötzlich dialektfrei. Er sitzt auf dem kleinen Podium einer türkischen Hinterhofmoschee bei Berlin und blickt hinab aufs Publikum: eine Ansammlung dunkler Haarschöpfe. Rieger ist Rechtsanwalt, Herausgeber der Berliner "Islamischen Zeitung" und unter Muslimen ein gern gesehener Gastredner. Gerade ist er bei der Frage palästinensischer Selbstmordattentäter angekommen: "Wer kleine Kinder zerfetzt, hat im Paradies nichts verloren." Dieser "abscheuliche Nihilismus" habe mit Islam nichts zu tun. Da sei der Koran eindeutig, und das müsse endlich auch dem Letzten klar werden. Zum Beweis zitiert Rieger die einschlägigen Verse. Viele Zuschauer nicken beeindruckt, kennt doch längst nicht jeder gebürtige Moslem sein heiliges Buch so gut wie der Deutsche da oben. Einige allerdings bekommen rote Köpfe und beginnen wüst zu schimpfen. Plötzlich stürzt ein bärtiger Hamas-Sympathisant nach vorn, packt Rieger an der Gurgel und schlägt zu. Zum Glück ohne ernste Folgen - bis auf eine: Jetzt ist der Deutsche erst recht motiviert, durch die Hinterhofmoscheen zu tingeln. Denn er weiß: "Unter Zuwanderern droht ein explosives Milieu. Die Jugendlichen sprechen schlecht Deutsch, haben oft keinen Schulabschluss und kaum berufliche Chancen." Der ideale Nährboden für einen gewalttätigen Getto-Islam. Also geht Rieger hinein in die Getto-Moscheen: in ehemalige Fabrikhallen, die Böden mit bunten Teppichen ausgelegt, die Decke mit einem kitschigen Kristallleuchter behangen und die Wand mit einer Fotografie weiß gekleideter Mekka-Pilger geschmückt. Dort wirbt er für den "wahren Islam", für bessere Deutschkenntnisse und den Wert selbstständigen Denkens. Auch Rieger hatte eine Phase, in der er (damals noch katholische) Geistliche befragte: die Pubertät. Da begann er seine Sinnsuche, las Nietzsche und Heidegger, sprach Christen an - und wurde enttäuscht. "Es gab niemanden, der gesagt hätte: Jetzt zeige ich dir, wie man mit Gott ein erfülltes Leben führt." Heutzutage führt er solch ein Leben, betet fünf Mal täglich zu Allah und nennt das Christentum einen "erkalteten Stern". Iyman Alzayed hieß früher Iris Pörtge. 1990, als sie konvertierte, wurde erst die "Iris" gegen "Iyman" ausgetauscht. Und zwei Jahre später wurde "Pörtge" von "Alzayed" verdrängt, als sie ihren deutsch-syrischen Gatten kennen und lieben lernte. Den Islam eroberte sich die Deutsch- und Kunstlehrerin aus Hannover aber ganz allein, sozusagen im Selbsttest. Erst kaufte sie sich aus Neugier eine Koran-Übersetzung, deren Lektüre sie abends nach der Arbeit "ungemein entspannend" fand. Dann testete sie das Ritualgebet. Anfangs etwas ungelenk, mit knackenden Knochen und schmerzenden Zehen, ging sie in ihrem Arbeitszimmer auf die Knie. Und schließlich probierte sie das Kopftuch. Zuerst zog die damals allein stehende 30-Jährige das brisante Stück Stoff nur gelegentlich im Supermarkt über, dann auch in Cafés und Restaurants, und zuletzt bei jedem Schritt in der Öffentlichkeit. "Ich fühlte mich von Anfang an freier und geborgener durch das Tuch", erinnert sie sich. Auf der Straße wurde sie nicht mehr so von Blicken durchlöchert, und abends an einsamen Bushaltestellen empfand sie das Kopftuch als Schutz. Bald darauf erwies die Haarbedeckung noch weitere Qualitäten. In der Schule vertrauten sich nämlich immer wieder muslimische Mädchen der Lehrerin an: Die Eltern zwängen sie, gegen ihren Willen Kopftuch zu tragen. Alzayed schnappte sich daraufhin ihren Koran, klingelte bei den Eltern und begann ein Gespräch über die gemeinsame Religion. An dessen Ende stimmten Eltern und Lehrerin überein, das Kopftuch sei zwar eine gute Sache, laut Gottes Wort dürfe es in Glaubensfragen aber keinen Zwang und ganz sicher keine Prügel geben. Und am nächsten Tag in der Schule sah man ein Kopftuch weniger - dank einer Kopftuchträgerin. Die Deutsche lässt sich nicht in Klischees pressen: Zuwanderer-Mädchen mit traditionellem Rollenverständnis bringt sie beispielsweise bei, dass in Deutschland "die Rolle des leise piependen Mäuschens mit stets gesenktem Blick" ins Abseits führe. Hier zu Lande müsse eine Muslima laut und deutlich reden und auch Männern beim Gespräch in die Augen gucken. Mit dieser effektiven Integrationsarbeit war es 1999 vorbei, als das Kultusministerium Niedersachsens sich weigerte, eine Lehrerin mit Kopftuch zu beschäftigen, weil dies die religiöse Neutralität des Staates verletze. Alzayed zog vor Gericht, verlor jedoch in zweiter Instanz den Prozess und damit ihre Stelle. Trotzdem: Als sie unlängst einer türkischen Muslima begegnete, die ihrer Tochter die Kopfbedeckung aufzuzwingen erwog, beharrte Alzayed darauf, in dieser Frage dürfe es keinerlei Zwang geben. Darauf antwortete die Türkin, auf Freiwilligkeit zu bauen sei naiv, das täten die Gegner des Kopftuchs ja auch nicht - Alzayed müsse das doch am besten wissen.


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