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Sonette
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Afghan Forum Forum Index -> Dichtung und Poesie

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Joined: 02 Apr 2004
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Post 15.03.2006 00:28:29 
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Saaya
Silbermitgliedschaft


Joined: 25 Oct 2006
Posts: 611
Location: Jenseits von Mensch und Zeit
Sonette

Mit Deinen Augen schau' ich holdes Licht,
Wie meine blinden Augen niemals sahn,
Mit Deinem Fuß, was meiner nie getan,
Spür' ich Erlahmender die Lasten nicht.

Auf Deinen Flügeln, ob's mir auch gebricht

Am Glanzgefieder, mess' ich Himmelsbahn,
Rot oder bleich, im Winter heiß, zum Wahn
Dem Sommer kalt, machst Du mein Angesicht.

In Deinem Willen festigt sich mein Wollen,
Mein Denken blüht aus Deines Herzens Blut,
Und meine Sprache strömt aus Deinem Sein.

Allein gleich ich dem Mond, in dessen vollen
Strahlen das Widerspiel der Sonne ruht,
Ihr Licht erblicken wir in seinem Schein.

Michelangelo

 


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Gestern ist ein Traum, der nimmer wiederkehren wird.

Post 03.04.2007 18:50:44 
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Saaya
Silbermitgliedschaft


Joined: 25 Oct 2006
Posts: 611
Location: Jenseits von Mensch und Zeit

Sonett 113

Mein Auge sitzt, seit wir geschieden sind,
In meinem Geist, und jenes andre dort,
Das mich umherführt, ist zur Hälfte blind,
Scheint sehend – doch in Wahrheit ist es fort.

Denn keine Formen, keinen Widerschein
Von Vogel, Blum' und was sich zu ihm drängt,
Nichts bringt sein schnelles Sehn dem Herzen ein,
Denn fest hält seine Sehkraft was sie fängt.

Und was es schaun mag, häßlich oder schön,
Zum Abscheu oder süßesten Vergnügen,
Tag oder Nacht, Meer oder Bergeshöhn,
Taub' oder Kräh' – es formt's nach Deinen Zügen!

So voll von Dir – denn Alles sonst vergeß ich,
Macht mich mein treu Gemüth unzuverlässig.

 

William Shakespeare


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Gestern ist ein Traum, der nimmer wiederkehren wird.

Post 03.04.2007 18:54:30 
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Rhea
Platinmitgliedschaft


Joined: 27 Mar 2005
Posts: 1079

Vergänglichkeit der Schönheit


Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand
Dir endlich mit der zeit umb deine brüste streichen /
Der liebliche corall der lippen wird verbleichen;
Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand /


Der augen süsser blitz / die kräffte deiner hand /
Für welchen solches fällt / die werden zeitlich weichen /
Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen /
Tilget endlich tag und jahr als ein gemeines band.


Der wohlgesetzte fuß / die lieblichen gebärden /
Die werden theils zu staub / theils nichts und nichtig werden /
Denn opfert keiner mehr der gottheit deiner pracht.


Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen /
Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen /
Dieweil es die natur aus diamant gemacht.

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau





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Sei deines Willens Herr und deines Gewissens Knecht.

Post 03.04.2007 21:56:35 
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Saaya
Silbermitgliedschaft


Joined: 25 Oct 2006
Posts: 611
Location: Jenseits von Mensch und Zeit
Sonett IX

Gleich wenn ich endlich abends so weit bin,
daß ich im weichen Bett des Ruhns beginne,
zieht sich der arme Antrieb meiner Sinne
aus mir zurück und mündet zu dir hin.

Dann glaub ich an die Zartheit meiner Brüste
das, was ich ganz begehre, anzuhalten,
und   s o   begehre, daß mir ist, als müßte
mein Schrein danach, wo es entsteht, mich spalten.

O Schlaf, der nachgibt, Nacht für mich gemeinte,
innige Stillung, glückliche Genüge,
halt vor für aller meiner Nächte Traum.

Ist für das immer wieder mir Verneinte
in dieser vollen Wirklichkeit nicht Raum,
so laß es mir gehören in der Lüge.

Louïze Labé


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Gestern ist ein Traum, der nimmer wiederkehren wird.

Post 04.04.2007 21:09:11 
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Saaya
Silbermitgliedschaft


Joined: 25 Oct 2006
Posts: 611
Location: Jenseits von Mensch und Zeit
Die schönste aller Locken

In stiller, wehmutweicher Abendstunde
Umklingen mich die längst verschollnen Lieder,
Und Tränen fließen von der Wange nieder,
Und Blut entquillt der alten Herzenswunde.

Und wie in eines Zauberspiegels Grunde
Seh ich das Bildnis meiner Liebsten wieder;
Sie sitzt am Arbeitstisch, im roten Mieder,
Und Stille herrscht in ihrer sel'gen Runde.

Doch plötzlich springt sie auf vom Stuhl und schneidet
Von ihrem Haupt die schönste aller Locken,
Und gibt sie mir - vor Freud' bin ich erschrocken!

Mephisto hat die Freude mir verleidet.
Er spann ein festes Seil von jenen Haaren,
Und schleift mich dran herum seit vielen Jahren.

Heinrich Heine 


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Gestern ist ein Traum, der nimmer wiederkehren wird.

Post 06.04.2007 01:08:49 
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Khayyaam
VIP


Joined: 04 Nov 2005
Posts: 9817

Zwei Reime heiß' ich viermal kehren wieder
Und stelle sie, geteilt, in gleiche Reihen,
Dass hier und dort zwei, eingefasst von zweien,
Im Doppelchore schweben auf und nieder.
Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder
Sich freier wechselnd, jegliches von dreien.
In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen
Die zartesten und stolzesten der Lieder.
Den werd ich nie mit meinen Zeilen kränzen,
Dem eitle Spielerei mein Wesen dünkt
Und Eigensinn die künstlichen Gesetze.
Doch wenn in mir geheimer Zauber winkt,
Dem leih' ich Hoheit, Füll' in engen Grenzen
Und reines Ebenmaß der Gegensätze.

August Wilhelm Schlegel (1767-1845)

Post 07.04.2007 10:42:31 
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Rhea
Platinmitgliedschaft


Joined: 27 Mar 2005
Posts: 1079

Es ist alles eitel 

Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind't.
Noch will was ewig ist kein einig Mensch betrachten!

Andreas Gryphius  



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Sei deines Willens Herr und deines Gewissens Knecht.

Post 09.04.2007 23:23:40 
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Khayyaam
VIP


Joined: 04 Nov 2005
Posts: 9817

Geformter Sand


Am blauen Meere sprang der kleine Knabe,
Beglückt von seichtem Regen, lauem Wind,
Verzückt von funkelnd nassem Sand geschwind,
Rief immerzu: „Welch schönen Sand ich habe!“
Von grauen Klippen sprang der alte Knabe,
Ertrug nicht, dass die Form sich schon verloren,
Der er als Kind auf Ewigkeit geschworen,
Rief immerzu: „Welch schönen Sand ich habe!“
So wie die Form in seiner Hand
Den Händen baldig schon entglitt,
(Es war ein klebrig-zäher Sand.)
So war das Meer ersehnte Not.
(Er nahm die Körner alle mit.)
Er sprang und sang sich in den Tod.


(Sebastian Gaub)

Post 10.04.2007 10:51:13 
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