Aus Spiegel online (www.spiegel.de/politik/deutschland/sexismus-debatte-aufschrei-gegen-gauck-a-887170.html:


“Grund des Unmuts ist ein Interview mit Gauck im aktuellen SPIEGEL. Dort hatte der Bundespräsident über die Sexismusvorwürfe gegen den FDP-Politiker Rainer Brüderle gesagt: “Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.” Mit Sicherheit gebe es in der Frauenfrage noch einiges zu tun. “Aber eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen”, sagte Gauck.

Ein Artikel einer “Stern”-Journalistin über Brüderle hatte die Sexismusdebatte, die auf Twitter unter dem Hashtag #Aufschrei geführt wurde, ins Rollen gebracht. Zuvor hatte SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Annett Meiritz über offenen Sexismus in der Piratenpartei berichtet.


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Insbesondere der Begriff “Tugendfuror” sorgt für Entsetzen bei den Verfasserinnen des Briefes. Durch die Verwendung dieses Wortes, so schreiben die Frauen an Gauck, “bringen Sie erniedrigende, verletzende oder traumatisierende Erlebnisse sowie das Anliegen, diese Erfahrungen sichtbar zu machen, in Verbindung mit dem Begriff Furie”. Da das Wort verwendet werde, um die Wut der Frauen lächerlich zu machen, “bedienen Sie jahrhundertealte Stereotype über Frauen”, so der Vorwurf der Autorinnen an Gauck. “

Wie sollte sich der Bundespräsident Eurer Ansicht nach bei diesem Thema positionieren ? Sind Journalistinnen, die sich mit weinseligen Politikern im Interesse von exklusiven, auflagestarken Anmekrungen abends an die Hotelbar begeben, die Richtigen, wenn sie sich über Sexismus beklagen ? Was könnte die konseqeunte Umsetzung einer Frauenquote in Führungsfunktionen in Betrieben und Unternehmen in dieser Hinsicht bewirken ?


Comments


Scully
Scully 6 years ago

Also kann mir jemand das Wort Tugendfuror genauer erklären?

Deutsch68
Deutsch68 6 years ago

Furor: Wut, Stürm, Entrüstung
Tugend: Tüchtigkeit, Kraft, im übertragenen Sinne das Streben nach dem sittlich Guten

Der Bundespräsident meint wohl, dass die in der Sexismusdebatte engagierten jungen Frauen etwas übertreiben bezgl. der realen Existenz der Problematik “Sexismus”.

Vielleicht ist es hier aber auch so wie in vielen anderen Bereichen: Die, die wirklich ein Problem haben, sind mit eben diesem beschäftigt und erklären nicht über Medien, was sie als Problem empfinden und wer als leidendes Opfer und wer als Täter wahrzunehmen sein soll….

Scully
Scully 6 years ago

Danke Deutsch Jan für die Erläuterung. Ziemlich komplex dieses Sachverhalt.

Ich persönlich als Frau würde sagen, dass der Sexismus-Debatte keines Wegs übertrieben ist. Mag sein, dass es in der heutigen Gesellschaft Frauen recht gut und respektvoll behandelt werden, dennoch fühle ich mich als Frau oftmals mehr als Objekt der Begierde als ein gleichwertiger Partner in Sachen Diskussion oder in alt-täglichen Arbeitssituationen. Natürlich ist alles auf dem ersten Blick recht harmlos, aber da man immer wieder Zeuge von zweideutigen Situationen wird, wird man doch immer nachdenklicher und aber vorsichtiger.
Vielleicht gerade jetzt sollte man diese Diskussionen um Sexismus offen führen bis man die noch wenigen aber vorhandenen Ungereimtheiten aus dem Weg geräumt hat.

Deutsch68
Deutsch68 6 years ago

Ich weiß nicht, ob “Sexismus” nicht auch ein Stück weit “persönlichkeits”- und “generationen”-gebunden ist. Mir fällt dazu der Begriff “Altherrenwitz” ein, der typischerweise bei Männern über 50 zu suchen ist. Ob der in Generationen, die ab 1980 geboren sind, in derselben Ausprägung und Verbreitung zu finden ist, wie unter dem Jahrgang von Brüderle, wenn die 80iger diese Altersstufe erreicht haben und zwischenzeitlich intensive Sexismusdebatten wieder und wieder geführt und eine Frauenquote für Führungspositionen erfolgreich umgesetzt werden – wer weiß ?!

Anfang der 90iger Jahre war im Öffentlichen Dienst mal das Thema “sexuelle belästigung am Arbeitsplatz” sehr intensiv in der Diskussion (bis jede/r bei der Themennennung schon genervt die Augen verdreht hat). In diesem Zusammenhang sind dann zumindest in allen Hamburger Ämtern und Behörden sog. “Frauenbeauftragte” berufen worden. Nicht als eigener Job, sondern mehr als eine Art zusätzliches Ehrenamt. Neuzeitlich wurden sie mittlerweile in “Gleichstellungsbeauftragte” umbenannt.

Mit zunehmendem Lebensalter und Lebenserfahrung lernen die meisten, die Grenzen auch klar und deutlich zu kommunizieren, die sie von anderen respektiert haben wollen.

Für junge Frauen in Ausbildung und/oder am Anfang eines beruflichen Werdegangs finde ich den Neuanstoß von derlei Debatten schon sinnvoll. Was soll ein junges Mädchen denn machen, wenn ihr Wort gegen das eines langjährig mit guten Leistungen zum Betrieb/Unternehmen gehörigen Ausbilders/Vorgesetzten steht? Kann ja sein, dass sie von einer “Gleichstellungsbeauftragten” in ihrer Beschwerde unterstützt wird. Aber danach ist ganz überwiegend nur noch ein Betriebswechsel für die Betroffene realistisch.

Wenn Sexismusdebatten dahingehend eine Bewusstseinsänderung bewirken, dass die Schwächeren gestärkt bzw. wirksam geschützt werden, dann halte ich sie für sinnvoll.

Aber nicht, weil eine Journalistin von einem betrunkenen Politiker keine Bemerkungen über ihr Dekolletee, sondern nur möglichst auflagenträchtige Insider-Infos hören will.

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