Nun nehmen wir das Problem des jungen Mannes ernst , auch wenn er seltsame mathematische Berechnungen über das Menschsein präsentierte. Ernst deswegen, weil Leute, die in einem Sprach- und Kulturraum lebten und wirkten unter ähnlichen Krisen und Konflikten litten. Der große Dichter und Denker der deutschen Klassik schrieb in seinem Meisterwerk Faust “Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust”.

Während dieser Mensch, der zeitlebens strebte, versuchte, den Sinn des Daseins zu ergründen und selbst seine Seele dem Teufel verkaufte, um die Wahrheit zu finden. Er litt zwischen den zwei mächtigen Kategorien des Guten und des Bösen.

Auch ohne den sog. Migrationshintergrund leiden die Kinder und vor allem die Jugendlichen unter Krisen der sog. Identität. Allein die körperlichen Veränderungen – bei Knaben und bei Mädchen sind Gründe für diese Krisen. Jewede Krise ist zugleich eine Chance für Bildung.

Ich denke, bei Menschen mit Migrationshintergrund der Satz von Goethe eine besondere Bedeutung. Hier geht es nicht um Kampf zwischen Tag und Nacht (metaphorisch gemeint), sondern um zwei verschiedenen Lebensarten, Kulturen, Sprachen und schließlich um psychologische Hintergründe.

Deswegen ist sehr sehr wichtig für Erziehung der Kinder mit Migrationshintergrund, als erste ein “Kind”, “ein Enkelkind”, “ein Bruder oder eine Schwester”, “ein Freund/eine Freundin”, ein Nachbar/Nachbarin zu sein. Hier zitiert wieder Goethe Rousseu, der die Idee einer “pädagogischen Provinz”. Staatsbürgerschaft ist eine nebensache. Ich glaube in Deutschland bekommt man mit 16 einen Ausweis. Aber viele Afghanen versuchen, ihre Kinder kurz nach der Geburt in Universität als Dr. der Medizin zu sehen und ihre gesamte Erziehung ist darauf gerichtet, anstatt die Voraussetungen für eine stabile Persönlichkeitsentwicklung im Sinne der Sozialisation, Enkulturation und Bildung zu schaffen.

Manche Bürger/innen z.B. aus Afghanistan sagen zu dem Land mit dem Namen Afghanistan “Afghanistan Aziz” (wertvolles bzw. liebes Afghanistan , aber zugleich zu ihrem Kind “Khar” (Esel). Sie pochen auf die Unabhängigkeit, Freiheitsliebe und Selbständigkeit von Afghanistan, aber gleichzeitig versuchen, ihre Kinder mit tausenden von Abhängigkeiten unselbständig zu erziehen. 

Das sind auch Gründe, warum unseres Selbstbewußtsein, Selbstvertrauen und Selbstliebe beeinträchtig sind und warum wir falsches Selbstbewußtsein, falsches Selbstvertrauen, Imponiergehabe z.B. haben.

Das afghanisches Kind ist noch nicht geboren!! 


Comments


Deutsch68
Deutsch68 3 years ago

Hallo Amarjan,

was meinst Du mit “Falsches” Selbstbewusstsein ? Und was wäre demgegenüber ein “richtiges” ? Und bezogen auf welche Aspekte der eigenen Lebensführung ? Und was brauchen Erziehende (Eltern, Großeltern, Lehrer etc.), damit Menschen mit “richtigem” Selbstbewusstsein entstehen ?

Amar77
Amar77 3 years ago

Deutsch Jan,
manche Psychologen unterscheiden zwischem „falschem“ und „echtem“ Selbstbewußtsein. Ich denke, es geht um ein gesundes Selbstbewußtsein. Simulation des Selbstbewußtsein ist kein gesundes Selbstbewußtsein.

Ich denke, auch das Entstehen und Entwicklung des Selbstbewußtseins liegt in der frühkindlichen Entwicklung.

Die Stärkung des Ich kann für Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein kann vorteilhaft sein. Die Aufgabe der Erzieher (Eltern usw) ist, die Auffoderung der Selbsttätigkeit von Kinder. Hilfe schon, aber das Kind muß ein Werk entsprechend des Alters und des Entwicklungsstands, der körperlichen, seelichen, geistigen Entwicklung(ob Spiel, Sport, Spaß und Stoff) vollenden. Deshalb sollen die Erzieher/innen nichts anders machen, als diese Entwicklungen zu fördern. Am besten sollten sie von Erziehungsmitteln (Lob und insbesondere von Strafe) sehr wenig Gebrauch machen. Denn , wenn das Lind selbst etwas kann, kann sich am meisten freuen und nicht die Fremdmotivation- und belobigungen. Aber auch hier, wie das Kind braucht und nicht wie die Eltern selber brauchen. Denn zuviel Lob ist genauso schädlich wie zu viel Strafe. Es geht um des Kinden Willens und nicht um des Erwachsenen willens.

Am meisten finde ich kontraproduktiv und schädlich, die Lebensaufgaben der Kinder von der Liebe Erwachsenen zu Kindern abhängig zu machen. z.B. wenn die Eltern sagen; wenn Du das nicht machst, liebe ich dich nicht. Mit dieser Erziehungsmehtode hat man bereits verloren. Positive oder negative Feed back (Rückmeldung) – falls erforderlich – kann das Niveau des Kindes z.B. im Spiel erhohen, aber ständige Belobingungen sind auch schädlich. Im Mittelpunkt der Erziehung soll auf jeden Fall die Liebe sein, aber auf keinen Fall die Affenliebe.

Deutsch68
Deutsch68 3 years ago

Die Drohung: Wenn Du dies oder jenes nicht tuts bzw. lässt, dann hat Mami/Papi Dich nicht mehr lieb ! gehört ins Repertoire aller, die im Rahmne ihres Erziehungsstils (ob unbewusst oder bewusst)mit “emotionaler Erpressung” arbeiten. Diese kann bzgl. der Heranreifung eines “gesunden Selbstbewusstseins” viel psychischen Schaden anrichten bzw. hat bei eltlichen Generationen einiges angerichtet. Also: Maßgeblich für das eigene Identitätsbewusstsein ist nicht die voll-oder teilweise Abstammung von einem bestimmten Volk, sondern die angewendeten Erziehungsmethoden zuallererst der eigenen Eltern. Wenn diese einimpfen, welche Völker angeblich schlecht/besonders gut sind, dann prägt das.

Wen die Erziehungsmaxime lauten soll, sein Kind zu einem sozial befähigten, eigenverantworlichen Menschen zu erziehen ( und es nicht für die Projektion eigener unerfüllter Träume oder Ähnliches zu missbrauchen ), dann hilft vielleicht das Bewusstsein über das gedicht von KHalil Gibran, in dem es u.a. heißt: “Eure Kinder kommen durch Euch, aber nicht von Euch”

Amar77
Amar77 3 years ago

Jawohl, Deutsch Jan,

ich pflichte Dir in dieser Frage vollkommen bei. Deswegen habe ich immer die Erziehungsmethoden in diesem Kulrurraum für falsch empfunden. Sie sind weder traditionell noch modern. In manchen Dörfern in Afghanistan sind die Erziehungsmethoden besser als in der Stadt. Außerdem scheint die Fläche der Erziehungswirklich ist klein und die Fläche der Erziehungsmittel sehr groß. In der Ebenen der Erziehungswirklichkeit sollte eigentlich der päd. Bezug sein, aber bei einigen ständischen Bevölkerungsgruppen in Afghanistan ist der pädagogische Bezug in der Ebene der Erziehungsmitteln gerückt.
Was ich auch beobachtet habe, wird nicht das Kind erzogen, sondern die Gegenständen. Z.B. werden Gegenstände (für Messer oder Scheere oder Licht für ganz kleine Kinder verstehe ich) weg gebracht, aufgeräumt und nicht den Kindern den Umgang beigebracht. Bücher werden vor dem Kind gerettet statt Kindern von klein an – alterssprechend Bücher zu geben. Ein Kind, das von Babys Alter an mit den Kinderbüchern umgeht oder lies, braucht mn auch nicht die Bücher der Erwachsenen vor ihm “retten”. Viele diese Leute nehmen “auf Kinder aufpassen” sehr wörtlich als Erziehung.

Deutsch68
Deutsch68 3 years ago

Hmm, die Wertmaßstäbe der Kindererziehung haben sich in den letzten Jahrzehnten hierzulande auch verändert. Hier spielte früher auch weniger die Rücksichtnahme auf kindliche bedürfnisse eine Rolle. “schreiben lassen” hieß es schon bei Babies, wenn die Mütter sie kurz vorher mit frischer Windel und Nahrung versorgt hatten, weil man fürchtete, sonst ein verwöhntes, für seine Umwelt nicht auszuhaltendes und mit Lebsnwidrigkeiten überfordertes Balg heranzuzüchten. Die Freiheit der Berufswahl war bei Heranwachsenden durch bestimmte elterliche Erwartungshaltungen stark eingschränkt. Wenn Vater einen Betrieb hatte, sollte ein Sohn ihn weiterführen.

Heute ist es zum Teil in ein anderes Extrem umgeschlagen, oft auch in einer fatalen Mischung von einer elterlichen Anspruchshaltung, das Recht auf möglichst vollständige Erfüllung eigener Bedürfnisse zu haben (Stichwort: Kneipentreff mit Feunden in Begleitung des Neugeborenen) als auch dem Kind möglichst alle seine Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen, anstatt eine oftmals dahinterstehende Suche nach Grenzen, die Orientierung vermitteln, wahrzunehmen und zu befriedigen.

Insofern ist es mM zumindest der Erzeihungsansatz zeitlos, erstmal zu vermitteln, was gut im Sinne von erlaubt und was schlecht im Sinne von verboten ist.

WaWa
WaWa 3 years ago

Das afghanisches Kind ist noch nicht geboren!!
super titel für ein horrorfilm… :/

Amar77
Amar77 3 years ago

WaWa jan,
Das bekanntestes künstliches Menschlein hat J. W. von Goethe in seinem Faust II “Homunculus” verwenet. Aber vorher hat der Jean-Jacques Rousseaus, ein Anhänger der natürlichen Erziehung einen künstlichen Zögling geschaffen und zwar “Emile oder über die Erziehung”.
Maria Montessori sprach von “Entdeckung des Kindes und Ellen Karonila Sophie Key, eine große schwedische Pädagogin sprach vom “Jahrhundert des Kindes”. Das afghanische Kind muß geboren werden, bedeutet, dass endlich Afghanen auch sich Gedanken machen, ob sie überhaupt wissen, was ein Kind ist. Erziehungswissenschaft ist am Anfang. Selbst in Europa haben manche Schwierigkeiten, die Pränatale, postnatale, Babyzeit, Kindheit, Jungend und Erwachsenenalter und Altenzeit als wertvolle und gleichwertige Zeiten zu verstehen. Afghanistan ist sehr sehr sehr weit von dieser Idee. Greiszeit wird nicht gleichwertig angesehen wie Babys Zeit, oder irre ich mich.
Die Lebensaufgaben eines Menschen sind nicht gleichwertig und gleichberechtigt. Das ist aber eine Vorausetzung für eine partnerschaftlich-demokratische Erziehung. Diese Erziehungsform ist zwar nicht symethrisch, aber sie ist gleichwertig. Sie ist nicht irreversibel. Das heißt die Eltern beschimpfen die Kinder und die Kinder dürfen die gleiche Worte nicht zu Erwachsenen sagen. Das ist das erste Unvermögen, Unfähigkeit des sog. erzieherischen Handelns in Afghanistan. Kurz gesagt Respekt und Gehorsam. Gehorsam bedeutet, die Natur-Gesetze zu gehorchen und damit die eigenen Gesetze. Die Naturgesetze sind gut. Die Gesetze des Menschen sind schlecht. Das war ein Maxime von Jean-Jacques Rousseaus, das die Welt der damaligen Zeit in Europa empörte und stellt Dir mal vor: diese Ideen wurden in den allgemeinen Pädagogik integriert. Kindheit ist kein Übergang zur Erwachsenenzeit und Alterzeit ist kein Übergang zum Tod. Sie sind selbständige, wertvolle und gleichwertige Zeiten des menschlichen Dasein. Keine dieser Zeiten sollten zu irgend einer anderen Entwicklungszeit geopfert werden.

Deutsch68
Deutsch68 3 years ago

Und nun wieder zum Stichwort Wertmaßstäbe für die Kindererziehung. Hier kommt jetzt der jeweilige kulturelle Einfluss ins Spiel.
Ein Beispiel:
Afghanischen Kindern wird anerzogen, dass sie Erwachsene respektvoll zu betrüßen haben, in dem sie sich bei Wunsch des Erwachsneen von diesem z.B. beliebig abküssen lassen müssen bzw. mehr noch diesem aktiv respektvolle Küsse geben sollen.

Deutsche Kinder begrüßen einen Erwachsenen heutzutage schon höflich-respektvoll genug, wenn sie ihm schlicht “Guten Tag” oder “Hallo” sagen udn ggf. noch die Hand zur Begrüßung geben.

Afrikanische Kinder dagegen haben gar nicht auf ältere Erwachsene aktiv zur Begrüßung zu gehen, sondern abzuwarten, bis der Erwachsene diese wahrnimmt und begrüßt. Dann dürfen sie darauf reagieren. So sieht dort Respektsbekundung von Kindenr aus. Ist doch sehr spannend, wie die Erziehungsvermittlung schon im Punkt Begrüßung varrieren kann.

Freba
Freba 3 years ago

Wenn man es aus allen Blickwinkeln betrachtet muss man auch sagen dass es natürlich nicht leicht ist sein Kind in einem “fremden” Land zu erziehen. Vor allem wenn man die Sprache nicht beherrscht und zusätzlich evtl alle Integrationsversuche stur ablehnt. Dabei kann einfach nichts gutes raus kommen.
Hinzu kommt dass die afghanische Gesellschaft leider einen viel zu großen Einfluss ausübt (“was sollen denn die anderen denken?” “bla hat dies gesagt, jenes getan und das gesehen”)
Aber klar, letztendlich sollte man versuchen das zu tun was für das Kind am besten ist…aber versucht das mal den Leuten unter den oben genannten Umständen zu erklären bzw. “einzureden”

Deutsch68
Deutsch68 3 years ago

Nach meiner Erfahrung kommt es sehr häufig in einer typoisch afghanischen Kindererziehung aber eher weniger darauf an, was “für das Kind am besten” ist, sondern mehr darauf, was für den Ruf der Eltern in afghanischen Community das Beste wäre. Solange man sich auch als erwachsener Mensch von dieser Maxime nicht frei machen kann, wird es weiter schwer bleiben mit einer Art Spagat zwischen Anpassungserfordernissen einerseits an die lebsnumstände des Landes, in dem man lebt und andererseits an die mitgebrachten kulturellen und traditionellen Werte seiner “community”.

Amar77
Amar77 3 years ago

Ja, sehr richtig, Deutsch jan; Pädagogik bietet dafür Worte wie “Wohl des Kindes” oder “um des Kindes Willen” an. Natürlich nehmen die echten und unechten Einwohner alles wörtlich; Wohl des Kindes z.B. nehmen sie sehr wörtlich!
Außerdem denken sie; bei der Entwicklung geht es um kognitive Entwicklung und heute bestimmen sie, dass mit 30zig der Sohn, vor allem der Sohn Doktor der Medizin sein soll.
Aber Erziehung ist mehr als Ausbildung. Erziehung ist Hilfe, um alle für die Entwicklung erforderliche Bereiche etwa soziale, emotionale, kultur-technisch, sprachliche, musische, religiös-ethnische Entwicklungsbereiche harmonisch und proportional zu entwickeln; Natürlich einseitige Entwicklungsmöglichkeit ist immer Fatal für Gesellschaft, für Individiuum.

“Siali o Shariki” (Wettbewerb und Kooperation) ist ein Paradigma der Menschen in Afghanistan. Dieser Ruf ist scheinhaft. Deswegen hat diese Gesellschaft immer erst Diskussion, dann Spiel und dann Kampf. Besser ist selbstverständlich: Kampf – Spiel und dann Diskussion als Frieden.

Spiel hat natürlich mit Schein zu tun. Schein ist mehr als Sein bei Afghanen (hier Bürger des Staates Afghanistan gemeint). Der Schein kommt dann zum Vorschein, wenn der Mensch unter Minderwertigkeit leidet oder ein schwaches Ich hat.
Deswegen ist immer gut, wenn das Kind vom anfang an in seiner Selbst gestärkt wird. Menschen mit Selbstbewußtsein sind ausgeglichen, selbst wenn sie hervorragendes erzielt haben.

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